Der oberbayrische Ort Wolkertshofen liegt in einem schon seit Jahrtausenden besiedelten Gebiet. Archäologen haben dort bereits viele Siedlungsspuren und Bestattungen aus der Jungsteinzeit, der Bronze- und Eisenzeit, der römischen Kaiserzeit und dem frühen Mittelalter gefunden. In der Antike gehörte dieser Ort zur römischen Provinz Raetien, die sich vom südöstlichen Schwarzwald über das Alpenvorland bis nach Südtirol erstreckte. Die Nordgrenze markierten damals die Donau und der zwischen Oberrhein und der Donau errichtete rätische Limes. Wegen dieser weit zurückreichenden Siedlungsgeschichte finden Neubauprojekte im Landkreis Eichstätt meist unter Beteiligung von Archäologen statt.

Ein römischer Tumulus in Raetien
So auch diesmal: Im Vorfeld der Bauarbeiten für ein neues Regenrückhaltebecken im Nordosten von Wolkertshofen sind Forschende des Bayerisches Landesamts für Denkmalpflege und eines Archäologiebüros auf archäologische Relikte gestoßen. Neben vorgeschichtlichen Siedlungsspuren und Keramikfragmenten traten dabei auch die Reste eines massiven Steinbauwerks zutage: Die Archäologen entdeckten einen runden, sorgfältig aus Steinen gemauerten Kreis mit einem äußeren Durchmesser von etwa zwölf Metern. An der Südseite schließt sich ein quadratischer Anbau von zwei mal zwei Metern an, der vermutlich einst als Fundament für eine Stele oder Statue diente, wie das Landesamt berichtet.
Die Form und der sorgfältige Verbund der zugearbeiteten Steine sprechen dafür, dass es sich um einen römischen Grabhügel (Tumulus) handelt. Solche Tumuli haben in Mitteleuropa und Italien eine lange Tradition. In den nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches kamen sie ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. vor. In der römischen Provinz Raetien, in der die Fundstätte einst lag, wurden solche Tumuli aber bislang nur sehr selten gefunden. Zwar sind aus dem Raum Augsburg einige römische Grabstätten bekannt, doch Tumuli mit steinerner Ringmauer und in dieser Dimension sind im ehemaligen Raetien kaum belegt. „Hier ein Grabmonument dieser Zeit und Größe zu entdecken, damit hatten wir nicht gerechnet“, sagt Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege.
Tumulus war ein Scheingrab
Die Archäologen gehen davon aus, dass es sich bei dem neu entdeckten Tumulus um ein Scheingrab, ein sogenanntes Kenotaph handelte. Denn im Inneren des Steinkreises wurden weder Skelette noch Grabbeigaben gefunden. Solche Scheingräber dienten in römischer Zeit als symbolisches Grabmal zum Gedenken an eine Person, deren Gebeine nicht geborgen werden konnten oder die an anderer Stelle beigesetzt wurde. Ein Kenotaph war häufig Erinnerungsort und Ausdruck gesellschaftlicher Stellung zugleich. Gestützt wird diese Interpretation des Funds durch seine Lage: Der Tumulus lag direkt an einer wichtigen römischen Verkehrsachse, einer Römerstraße, die über das nahegelegene Nassenfels ins Altmühltal führte, wie die Archäologen erklären. In unmittelbarer Nähe zum Tumulus und der Römerstraße wurden zudem die Überreste einer „Villa Rustica“ entdeckt – eines römischen Landguts. Die dort ansässige Familie wollte offenbar einer oder einem Verstorbenen damit ein weithin sichtbares Zeichen setzen.
Interessant ist der neu entdeckte Tumulus aber auch wegen einer Besonderheit dieser Region, wie das Team erklärt. Denn die Menschen im römischen Raetien nutzten nicht nur neu errichtete Tumuli als Gräber und Denkmäler, sie “recycelten” dafür auch ältere Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit. Ob damit ein bewusster Rückgriff auf vorrömische, keltische Bestattungssitten verknüpft war oder es nur rein praktische Gründe hatte, wird noch diskutiert. Das Römergrab von Wolkertshofen sei auch in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung für die weitere Forschung über das Leben der Römer in Bayern, so das Landesamt für Denkmalpflege.
Quelle: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege





