Lange trugen die römischen Legionäre nur Kettenhemden als Rüstung in der Schlacht. Doch in der frühen Kaiserzeit sorgte die Erfindung des Schienenpanzers für einen effektiveren und bequemeren Schutz. Denn er war mit rund acht Kilogramm Gewicht nur halb so schwer wie ein Kettenhemd und ließ sich schneller und effizienter fertigen. Wurden beim Kampf Teile dieses aus Metallplatten gefertigten Oberkörperschutzes beschädigt oder gingen verloren, konnten sie schnell ausgetauscht werden. Damit brachte der Schienenpanzer wirtschaftliche und logistische Vorteile bei der Versorgung der römischen Armeen mit sich. Bis ins 4. Jahrhundert gehörte der Schienenpanzer zur Standardausstattung der römischen Legionäre.
Fund auf dem antiken Schlachtfeld
Doch wie die römischen Schienenpanzer im Detail aussahen und wie sie gefertigt waren, war bislang nur in Teilen bekannt. Zwar gab es zeitgenössische Abbildungen dieses Rüstungsteils, aber archäologische Funde von Schienenpanzern sind extrem selten. Die bislang beste Auskunft über die technischen Details dieser Schutzrüstung lieferten sechs Hälften von Schienenpanzern, die im englischen Corbridge gefunden wurden. Sie stammen allerdings bereits aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und damit nicht aus der Anfangszeit dieser Neuentwicklung der römischen Soldatenausstattung.
Jetzt liefert ein Fundstück aus dem niedersächsischen Kalkriese ganz neue Einblicke. Bei Ausgrabungen auf dem antiken Schlachtfeld der Varusschlacht stießen Archäologen auf einen mehr als einen Meter großen Gesteinsblock, in dem ein größeres Metallstück verborgen zu sein schien, wie erste Röntgenaufnahmen im Zollamt des Flughafens Münster/Osnabrück nahelegten. Um nähere Details zu enthüllen wurde der gesamte Block ins Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Fürth gebracht. Hort steht der weltweit größte öffentlich zugängliche Computertomograph. Die sogenannte XXL-CT erschließt die einzigartige Möglichkeit, großvolumige Objekte vollumfänglich dreidimensional zu erfassen – so auch beim Fund aus Kalkriese.
Schienenpanzer vollständig und überraschend gut erhalten
Die Aufnahmen enthüllten: Bei dem Fund handelt es sich um einen fast vollständigen römischen Schienenpanzer. Nach derzeitigem Erkenntnisstand besteht der Kalkrieser Schienenpanzer aus 30 einzelnen Platten, nur vier bis fünf Platten fehlen. “Er ist bislang der älteste und der einzig erhaltene römische Schienenpanzer. Dieser Fund liefert uns gänzlich neue Einblicke in die römische Rüstungstechnik”, sagt Salvatore Ortisi von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der Schienenpanzer wird zurzeit Platte für Platte freigelegt und restauriert. Die einzelnen Bestandteile der Rüstung sind durch den Druck der aufliegenden Erde zusammengedrückt, aber weitgehend intakt.





