Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen in der Frühen Neuzeit gestaltete sich schwierig, die russischen Abgesandten traten als Bittsteller am chinesischen Kaiserhof auf, dessen diplomatische Rituale eine Hierarchie aufbauten. Erst der Vertrag von Nertschinsk 1689 ließ die beiden Mächte auf Augenhöhe verhandeln und führte zur Festlegung der längsten Staatsgrenze der Welt. Anderthalb Jahrhunderte später kehrte mit dem Ungleichen Vertrag von Aigun 1858 erneut eine Asymmetrie in das russisch-chinesische Verhältnis ein. Das Reich der Mitte musste die Gebiete am Amur und Pazifik an das Zarenreich abtreten.
Das 20. Jahrhundert bewirkte einen radikalen Wandel. Die Autoren beschreiben die komplexe Einbeziehung der rückständigen Agrargesellschaft Chinas in die weltrevolutionären Pläne der Komintern. Hier wurde bereits deutlich, dass beide Länder eine starke Affinität zum Kommunismus hatten, aber langfristig eigene Wege einschlugen. Stalin wollte in der VR China vor allem sowjetische Machtinteressen durchsetzen, was Mao, der „Vater der chinesischen Revolution“, als Affront ansah. Die Entstalinisierung 1956 stellte einen Angriff auf Maos Personenkult dar. Dieser Konflikt spitzte sich mit den chinesischen Vorwürfen eines sowjetischen Revisionismus während der Kulturrevolution zu und entlud sich in den Grenzzwischenfällen am Ussuri 1969. Hier ging es nicht allein um das Austesten einer geographischen Grenze, sondern um politische Deutungsmacht im Weltkommunismus: Moskau oder Peking als Leitbild für kommunistische Regime?
Die gesellschaftspolitischen Reformen unter Deng Xiaoping führten nach Maos Tod und dem Sturz der „Viererbande“ zu einer Annäherung zwischen beiden Ländern. Der Machtantritt Michail Gorbatschows und die politische Liberalisierung in der Sowjetunion wurden von der chinesischen Studenten- und Intellektuellenbewegung zum Anlass genommen, die Einparteienherrschaft der KPCh infrage zu stellen. Die Demonstrationen auf dem Tiananmen wurden 1989 niedergeschlagen. Beide Länder nahmen nun eine unterschiedliche Entwicklung: Während die Sowjetunion 1991 zerbrach, konnte die KPCh bis heute ihre Herrschaft stabilisieren.
Schließlich widmen sich die Autoren der strategischen Partnerschaft in den 2000er Jahren, deren Merkmale die wirtschaftliche Kooperation in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und gemeinsame militärische Manöver in Ostsee und Pazifik seit dem Ukrainekrieg sind. Die russisch-chinesische Partnerschaft bestimmt Politik und Wirtschaft auf dem eurasischen Kontinent. Urbansky und Wagner zeigen anschaulich und kompetent, dass die Gegenwart und Zukunft der russisch-chinesischen Beziehungen nur aus der Vergangenheit zu verstehen sind.
Rezension: PD Dr. Eva-Maria Stolberg
Sören Urbansky/Martin Wagner
China und Russland
Kurze Geschichte einer langen Beziehung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2025, 329 Seiten, € 26,–





