Während der interessierte Leser über die Rolle des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg hinlänglich informiert sein dürfte, bleiben zahlreiche Seiten der Geschichte der Sowjetunion in den Jahren von 1941 bis 1945 weiterhin kaum bekannt. Vor allem fehlt es an ei-ner gelungenen Synthese, die neue Erkenntnisse zu ei-ner profunden Gesamtdarstellung verdichtet. Nach der 1991 beginnenden “Archivrevolution”, in deren Verlauf Forscher in Ost und West zahlreiche neue sowjetische Aktenbestände auswerten konnten, besteht allemal Anlaß dazu. Richard Overy bemüht sich in seinem neuen Buch “Rußlands Krieg”, diese Lücke zu schließen. Der weithin anerkannte Fachmann zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist allerdings kein Experte für die Sowjetunion. Seine Erkenntnisse zur Entwicklung der Sowjetgesellschaft unter Kriegsbedingungen gewinnt er aus einer lückenhaften Lektüre der neuesten westlichen Forschungsliteratur. Wie bei der Analyse des Stalin-Kults flüchtet er sich häufig in Allgemeinheiten, statt wichtigen Fragen weiter nachzugehen.
Seine unbestrittene Kompetenz beweist Overy, wenn er die eigentliche Kriegsgeschichte thematisiert. Es gelingt ihm, Legenden und Mythen zu dekonstruieren, die seit Jahrzehnten die öffentlichen Wahrnehmungen des Weltkriegsgeschehen in Ost und West gefangen nehmen. So charakterisiert er mit nüchternem Blick auf die sowjetischen Partisanen deren Leben zutreffend als “eine Gratwanderung zwischen Helden- und Banditentum”. Ferner greift seine Monographie sensible Themen auf. Ohne sich als Ankläger im Namen der Geschichte aufzuspielen, schildert Overy quellennah die zahllosen Übergriffe deutscher und sowjetischen Soldaten an Zivilpersonen.
Über weite Passagen befindet sich das Buch auf dem neuesten Stand der Forschung. Allerdings verstört es, wenn Overy die “Seele” und “Gemüt” der Sowjetmenschen zu analytischen Kategorien erhebt und sich anschließend bei seiner Völkerpsychologie in nichtssagenden Stereotypen verliert. Wie begrenzt seine Kenntnisse von der russischen Geschichte sind, zeigt sich in jenen Sätzen, in denen er in überzogener Weise den stalinistischen Terror als die konsequente Fortsetzung einer jahrhundertelangen russischen Politik bezeichnet.
Overys flott geschriebene, leider aber nur bedingt empfehlenswerte Gesamtdarstellung wird besonders den Lesern Erkenntnisgewinne vermitteln, die sich im Anschluß an die zahllosen Fernsehsendungen zum Zweiten Weltkrieg weiteres Wissen aneignen wollen.
Rezension: Gestwa, Klaus





