Homer ist heute keine allgemein bekannte Größe mehr. Umfragen zeigen, dass sich mit seinem Namen nur noch bei wenigen konkrete Vorstellungen verbinden. Das war nicht immer so. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es in Europa – und speziell im deutschen Sprachraum – kaum einen Gebildeten, dem Homer nicht ein Begriff war. Man wusste: Er ist der Gründervater der europäischen Literatur. Vielen Menschen waren die großen Figuren aus Homers Werken vertraute Wegbegleiter: Odysseus und Penelope, Achilleus und Patroklos, Hektor und Andromache, aber auch die Götter: Zeus und Hera, Aphrodite, Apollon, Poseidon … und viele andere mehr. Sicher, manchem Homerischen kann man heute noch begegnen („Heut hab’ ich eine Odyssee erlebt“). Homer lebt also immer noch, mitten unter uns. Aber wie? Entweder in tiefgründigen modernen literarischen Verfremdungen oder, häufiger, in flachen Vergröberungen. Beides ist nicht mehr der große Dichter. So stellt sich ganz von selbst die Frage: Wer war Homer wirklich? Was hat er gewollt? Was bewirkt?
Als Homer geboren wurde, vor rund 2750 Jahren, im Sprachgebiet der Griechen, gab es in Europa noch keine Literatur. Anders im Orient: Babylonier und Ägypter, Hethiter und Semiten waren bereits seit etwa 2500 Jahren Literaturvölker. Der Grund ist leicht zu sehen: Literatur setzt Schrift voraus. Um 3200 v. Chr. hatten die Volksstämme des Zweistromlands zwischen Euphrat und Tigris (heute Irak) ebenso wie die Ägypter im fruchtbaren Schwemmland des Nils Systeme von Zeichen erfunden, die es ermöglichten, die flüchtige gesprochene Sprache zu fixieren: die litterae (lateinisch: Buchstaben). Daraus konnte „Literatur“ erwachsen. Die Griechen hingegen, die erst gegen 2000 in das Land einwanderten, das sie heute noch bewohnen, besaßen keine Schrift und folglich auch keine Literatur.
Beim Aufbau einer eigenen Kultur in den folgenden Jahrhunderten bediente sich die griechische Führungsschicht für den diplomatischen Verkehr über „Schreiber“ der Schrift des Orients (Keilschrift) und Ägyptens (Hieroglyphen). Für ihre eigene Sprache entwickelten sie erst im 15. Jahrhundert ein Schriftsystem, das sogenannte Linear B, eine Silbenschrift. Diese war jedoch mit über 90 Zeichen und komplizierten Schreibregeln wenig literaturfreundlich. Er- halten ist sie nur auf kleinen Tontäfelchen mit Verwaltungstexten.
Um 1200 brach diese erste griechische Hochkulturperiode durch eine Invasion von Fremdvölkern wieder ab. Es folgte eine Zeit des kulturellen Rückschritts von rund 400 Jahren. Erst mit der „griechischen Renaissance des 8. Jahrhunderts“ entstand in Griechenland eine zweite Hochkultur. Handel und Schiffahrt blühten auf, nach allen Seiten wurden die Kontakte neu geknüpft. Von überallher übernahmen die Griechen dadurch Neues. Die entscheidende Innovation: In der Levante erlernten griechische Händler von den nordwestsemitischen Phöniziern deren Schriftzeichensystem. Es begann mit den stilisiert gemalten Zeichen aleph (Stier) und beth (Haus): das „Alpha-bet“. Die Griechen übernahmen das System. Und wie bei den meisten ihrer Übernahmen perfektionierten sie es, zu einem System von 22, später 26 Zeichen, mit denen grundsätzlich jeder Laut der menschlichen Sprache dargestellt werden konnte. Es war die größte Kulturrevolution der Menschheitsgeschichte in den letzten rund 3 000 Jahren.





