Die analysierten Ereignisse sind gut ausgewählt und bieten Einblick in die sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Dimensionen der Zeit. Es handelt sich um die Revolution 1918/19, den Kapp-Lüttwitz-Putsch, die Ermordung Walther Rathenaus, die Ruhr-Besetzung und die Hyperinflation, den Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert und die Wahl seines Nachfolgers, Weltkriegsgeneral Paul von Hindenburg, den Bruch der großen Koalition sowie den anschließenden Übergang zu den durch das Notverordnungsrecht des Reichspräsidenten gestützten Präsidialkabinetten seit 1930. Der Blick auf die Landesebene zeigt, wie die Nationalsozialisten im Zuge ihrer Regierungsbeteiligung in Thüringen bereits Maßnahmen ergriffen, die von 1933 an das gesamte Reich betrafen. Keineswegs lässt sich hier eine Zähmung oder Entzauberung durch Regierungsverantwortung erkennen. Die letzten Kapitel widmen sich den Intrigen und politischen Manövern im Umfeld der letzten drei Reichskanzler, bevor Hindenburg sich dazu entschloss, Hitler das Amt zu übertragen.
Ullrich schreibt flüssig und anschaulich. Die zahlreichen eingestreuten Zitate aus Briefen, Tagebüchern und Zeitungsartikeln machen die Darstellung lebendig und perspektivenreich. Wirklich Neues bietet sein Buch zwar nicht an, beruht es doch primär auf der bestehenden Forschung, aber es fasst das Bekannte gekonnt zusammen. Im Ergebnis wird deutlich, dass die Weimarer Demokratie keineswegs chancenlos gewesen ist, vielmehr gelang es ihr, zahlreiche Krisen zu bewältigen. Erst im Rückblick akkumulieren sich die Belastungen zu einer Geschichte des Scheiterns, aber diese muss keineswegs so erzählt werden. Im Licht der demokratischen Herausforderungen unserer Zeit stimmt das Buch nachdenklich. Es leitet keine simplen Lehren aus der Geschichte ab, sondern sensibilisiert für die Gefahren, denen Demokratien ausgesetzt sind.
Rezension: Dr. Sebastian Rojek
Volker Ullrich
Schicksalsstunden einer Demokratie
Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik
Verlag C. H. Beck, München 2024, 383 Seiten, € 26,–





