„Wir empfinden Scham über die politische Unreife so vieler Millionen, die nun wieder den Augen der achselzuckenden Welt sich zeigt.“ Tief betrübt über den unerwarteten Wahlausgang reagierte mit diesen Worten der Chefredakteur des liberalen „Berliner Tageblatts“, Theodor Wolff, in seinem Leitartikel am 27. April 1925, dem Tag nach der Entscheidung. Und auch Victor Klemperer – dank seines Tagebuchs einer der großen Chronisten seiner Epoche – bewies Weitsichtigkeit, indem er am selben Tag die Zäsur der Wahl Hindenburgs mit einer bösen Vorahnung verknüpfte: „Ich habe den Eindruck, dass etwas Ähnliches vorgefallen ist wie am 28. Juni 1914, als man den österreichischen Thronfolger mordete. Was wird in Deutschland werden?“ Wie aber kam es binnen weniger Wochen zu dem spektakulären Comeback des seit 1919 im Ruhestand lebenden Hindenburg? Und was verschaffte ihm die knappe Mehrheit, die ihn vor genau 100 Jahren ins höchste Staatsamt der noch jungen Weimarer Demokratie katapultierte?
Der unerwartete Tod des erst 54 Jahre alten Amtsinhabers Friedrich Ebert (SPD) am 28. Februar 1925 machte im Frühjahr die Neuwahl des Reichspräsidenten notwendig. Gemäß Artikel 41 der Weimarer Reichsverfassung wurde der Reichspräsident „vom ganzen deutschen Volke gewählt“. Ebert selbst dagegen war noch vor ihrer Verabschiedung am 11. Februar 1919 von der Nationalversammlung mit breiter Mehrheit zum Staatsoberhaupt gekürt worden. Angesichts schwerer Krisen in den Anfangsjahren der Weimarer Republik beschloss der Reichstag im Oktober 1922 die Verlängerung von Eberts Amtszeit bis zum 30. Juni 1925. Unklar bleibt, ob Ebert die Absicht hatte, zur Wiederwahl anzutreten – vermutlich hätte er aber 1925 realistische Chancen auf eine weitere Amtszeit gehabt. Nach den gesetzlichen Bestimmungen war nun im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit für den Sieg notwendig, in einem etwaigen zweiten Wahlgang genügte dagegen die relative Mehrheit. So begann bei den Parteien die vorzeitige Suche nach geeigneten Kandidaten und möglichen Bündnispartnern.





