Wien 2006. Ein alter Sammler trifft Vorkehrungen für den Weiterbestand seiner Schätze: zehntausende Schellackplatten, vor allem mit Jazzaufnahmen; eine Sammlung, die in Jahrzehnten gewachsen und nun unbestreitbar „Kulturgut“ ist. Günther Schifter übergibt Teile davon der Österreichischen Mediathek und verfügt, dass das Übrige nach seinem Tod an dieses Institut kommt. Unter seinen Zeitgenossen – und auch in der Generation danach – ist er Legende: als jazzbegeisterter Radiomoderator und Sammler. Bemerkenswert dabei, dass er in sehr vielen seiner Sendungen – und auch im Gespräch – immer wieder Bezug nimmt auf die Situation und die Musik der späten dreißiger und der vierziger Jahre, auf die Jazz- und Schellackbegeisterung als Ventil, als Möglichkeit sich zu entziehen. Vielen Jüngeren ist das nicht mehr ganz zugänglich oder nur mehr als Nostalgie verständlich, hat sich doch das politische und kulturelle Umfeld seit 1945 gewandelt und ist die ehedem verfemte Musik längst im Mainstream angelangt und der nonkonformistische Außenseiter Schifter zu einer „Stütze der Gesellschaft“ geworden. Diese Verlaufskurve des Generationenzyklus ist recht typisch – und lässt sich mittlerweile wohl schon auf die „Vinylgeneration“ anwenden, die nostalgisch ihre Platten und Alben aus der Protestzeit der sechziger Jahre hegt – und mit der MP3-Generation wird es vermutlich ähnliche Wege haben.
Wien 2010. Zwei Jahre nach dem Ableben Günther Schifters erscheint der oben skizzierte Generationenverlauf unverändert spannend: wie man mit einem im wesentlich gleich bleibenden Musikgeschmack und einer auf das gleiche Ziel gerichteten Sammlerleidenschaft in recht unterschiedliche gesellschaftlich-kulturelle Lagen kommen kann – vom „Outcast“ zum Mann des Mainstreams und endlich zum Nostalgiker. Dies ist freilich eine extreme Zuspitzung, die nur verdeutlichen, nicht umfassend erklären soll. Tatsächlich ist Schifter als Radiomann mit der Zeit gegangen und hat moderne Unterhaltungstechnik sehr wohl angewendet – so erfolgten die Musikeinspielungen in seinen Sendungen in der Regel via Tonband und nicht von der Platte – und doch blieb sein Interesse der Wiedergabetechnik der dreißiger Jahre (und sogar der Zeit davor) zugewandt. Seine Sammlung von Phonographen und Grammophonen zeigt dies eindrucksvoll. Sowohl beim Sammeln von Schellack-Platten und von historischer Unterhaltungstechnik wie beim Musikgeschmack ist dabei Günther Schifter herausragender Vertreter einer ganzen „Spezies“ von Sammlern und Liebhabern gleicher oder ähnlicher Interessenslage und Beharrlichkeit – eine quantitativ kleine, sozial durchaus inhomogene und wenig lautstarke Bevölkerungsgruppe, die selten im Fokus historischen Interesses steht. Vielleicht stellt sich daher die Frage: Eine Ausstellung über einen Plattensammler und Radiomoderator? Das „Ja“ ist mehrfach motiviert: Durch die Inhalte selbst, denn es ist sinnvoll, die Sammlung und Tradierung von Kulturgut zu verfolgen, ihre technisch-kulturellen Voraussetzungen und ihren Nachhall: Der gefahrvolle Weg einer historischen Jazzaufnahme zum Beispiel, von der fragilen Schellackplatte in wechselnden Benützerhänden, bis sie über den selektierenden und vorsorgenden Sammler schließlich in einer öffentlichen Archivstelle landet – und via Datennetz in das neue Forum des Internet befördert wird. Der zweite Grund ist, wie angedeutet, das Nachdenken über die geänderte gesellschaftliche Wertschätzung von Musikstilen und Interessensgebieten. Ein weiterer sehr wichtiger Grund ist schließlich die schreckliche Sondersituation der mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, deren scharfes Licht Günther Schifters persönliches Lebensschicksal stark konturiert: eine Zeit, in der man durch das Anhören von Jazzmusik den Boden unter den Füßen, ja das Leben verlieren konnte.





