Wien war ein Zentrum der bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, der Architektur, der Philosophie und der Medizin. Noch heute weithin bekannte Persönlichkeiten wie der Dichter Hugo von Hofmannsthal, die Maler Gustav Klimt und Egon Schiele, der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, der Schriftsteller Stefan Zweig und viele, viele mehr lebten und wirkten in der Donaumetropole. Die Kaffeehäuser wurden zu bevorzugten Treffpunkten, nicht nur der Intellektuellen. Die großartige Ringstraße steht wie auch der Ausbau der Gas- und Wasserversorgung sowie der Tram für die groß angelegte Modernisierung der Stadt. Sie kam jedoch nicht allen Einwohnern zugute. Viele Menschen fristeten ein ärmliches Dasein in beengten Wohnverhältnissen. Wohnungen und sogar Betten wurden (unter)vermietet.
Das 20. Jahrhundert warf nicht nur hinsichtlich der kulturellen Moderne und der Stadtentwicklung, sondern auch politisch seine Schatten voraus. Karl Lueger, von 1897 bis 1910 Bürgermeister von Wien, und der Politiker Georg von Schönerer propagierten einen radikalen Antisemitismus. Beide gehörten zu den Vorbildern Adolf Hitlers. Unter der Oberfläche des riesigen Reiches gärten darüber hinaus die Separationsbestrebungen seiner vielen Völker.
Martin Czapka hat die Epoche um 1900 hervorragend in einem „lexikalischen Sammelsurium“ eingefangen, einem „Panoptikum zwischen Tradition und Erneuerung“, wie Barbara Sternthal in ihrem instruktiven Vorwort schreibt. In alphabetischer Reihenfolge präsentiert und erläutert der Autor eine enorme Fülle von prägnanten Lebensläufen, Orten, Unternehmen, Begriffen und vielem mehr. Dabei deckt er alle Lebensbereiche ab.
Besonderen Charme hat die Darstellung wegen der zahlreichen Austriazismen oder Wiener Eigenbegriffe. Der „Aufhackknecht“ (Fleischergehilfe) und die „Blunzn“ (Blutwurst) finden sich ebenso wie der „Griaßler“ (Obdachlose) und der „Miststierer“ (ein nach Essen im Abfall suchender Mensch). Gerade diese Begriffe spiegeln die Zeit besonders wider. Sie zeigen den berühmt-berüchtigten Wiener Schmäh ebenso wie die Not vieler Menschen.
Rund 800 handgezeichnete farbliche Illustrationen schmücken den Band. Sie bringen einem die bewegte Epoche sogar noch eindrücklicher näher als die Fotografien oder Zeitungsausschnitte, nach denen sie häufig gezeichnet wurden. Auch die über das ganze Buch hinweg verstreuten Zitate berühmter Wiener Persönlichkeiten helfen dabei, sich in die porträtierte Zeit einzufühlen.
Wer also leider keine Zeit hat, demnächst in die Metropole an der Donau zu fahren, oder wer umgekehrt im Moment seine nächste Wienreise plant, dem sei das Buch wärmstens ans Herz gelegt. Auf angenehme Weise bildet und unterhält es seine Leserinnen und Leser gleichermaßen.
Rezension: Prof. Dr. Philipp Austermann
Martin Czapka
Wien 1900
Ein lexikales Sammelsurium rund um das Wien der Jahrhundertwende
Amalthea Verlag, Wien 2024, 288 Seiten, € 40,–.





