Christiane Coester hat sich nun intensiv mit der komplizierten italienisch-französischen Quellenlage befasst und in ihrer wissenschaftlichen Biographie ein differenziertes Bild der couragierten Herzogin gezeichnet. Sie begleitet ihre Protagonistin von ihrer Kindheit am Hof in Ferrara bis zu ihren letzten Lebensjahren als Witwe im „Hôtel des Nemours“ in Paris. Dargestellt werden die Möglichkeiten der Herzogin zur politischen Einflussnahme in einer Zeit erbitterter religiöser Auseinandersetzungen, dazu ihr freundschaftliches Verhältnis zu Katharina de’ Medici, ihre Rolle bei der blutigen Bartholomäusnacht und dem Attentat auf Admiral Coligny, ihre Konflikte mit Heinrich IV. in der Frage der Thronfolge und schließlich ihre Position als „Königinmutter“ der katholischen Liga.
Doch das Anliegen der Autorin ist es, Anna nicht auf diesen Aspekt zu reduzieren. Alle Lebensbereiche einer Fürstin des 16. Jahrhunderts kommen in den Blick: Sie wird als Verwalterin der umfangreichen Besitzungen ihrer beiden Gatten, als Heiratsvermittlerin und Beraterin ihrer Kinder, als Prozessgegnerin der französischen Krone in Besitzstandsfragen gezeigt. Schließlich wird die Persönlichkeit Annas im schmerzhaften Abschied von der Mutter oder in der Trauer um ihren ersten Gatten und ihren Erstgeborenen greifbar.
Die Biographie besticht durch ein ausgewogenes Urteil und die Schilderung einer Fülle von Einzelheiten des höfischen Lebensumfelds und des familiären Alltags. Leser‧unfreundlich allerdings wirken die vielen, zum Teil auch langen Zitate in Französisch und Italienisch ohne Übersetzung; auch hätte man sich eine Einführung in die komplexe Geschichte Frankreichs im Zeitalter der Glaubenskriege gewünscht.
Rezension: Talkenberger, Heike





