Der Olivenbaum ist geradezu ein Symbol für den Mittelmeerraum: Bis heute hat die uralte Nutzpflanze ihre Bedeutung behalten und gehört zum kulturellen Erbe der dortigen Menschen. Seit Jahrtausenden liefert sie ihnen Nahrungsmittel, Brennstoffe sowie medizinische oder kosmetisch genutzte Substanzen. Auch in der Mythologie und in den Religionen spielte der Baum beziehungsweise das Olivenöl bekanntlich eine wichtige Rolle. Die frühesten Nachweise seiner gezielten landwirtschaftlichen Nutzung und Zucht gehen dabei auf die Zeit von vor etwa 6000 Jahren zurück. Inwieweit die Wildform des Olivenbaums (Olea europaea) schon davor von Menschen genutzt wurde, liegt hingegen eher im Dunkeln.
100.000 Jahre alte Verbrennungsreste
Was die Ära der letzten Eiszeit betrifft, scheint klar, dass die wärmebedürftige Pflanze im Großteil ihres heutigen Verbreitungsgebietes nicht existieren konnte. Rückzugsgebiete bildeten in der kalten Zeit aber offenbar Bereiche an der Atlantikküste des heutigen Marokko. Dies dokumentieren nun auch die pflanzlichen Überreste, über die das internationale Forscherteam um Laurent Marquer vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck berichtet. Doch die Bedeutung der Befunde geht über die Paläobotanik hinaus, denn sie stammen aus zwei Höhlen in der Region Rabat-Temaria im Norden Marokkos, die bereits als anthropologische Fundstätten bekannt sind: Dort wurden Knochen sowie Steinwerkzeuge gefunden, die von frühen modernen Menschen aus der Zeit vor über 100.000 Jahren stammen.
Marquer und seine Kollegen haben im Rahmen ihrer Studie Reste von verbranntem Holz sowie verkohlte Fragmente von pflanzlichen Kernen untersucht, die aus Sedimenten der Höhlen extrahiert wurden. Offenbar handelt es sich um Spuren der Feuer, die einst die Bewohner der Höhlen wärmten und ihnen zur Zubereitung von Nahrung dienten. Aus den Datierungsergebnissen ging hervor, dass sie vor rund 100.000 Jahren brannten. Genauere Analysen des Materials offenbarten dann, von welchen Pflanzen das Material stammte: Es handelte sich demnach zum Großteil um Olivenbaumholz und die Fragmente der pflanzlichen Kerne entpuppten sich zweifelsfrei als Olivenkerne. Somit zeichnet sich ab, dass die Menschen damals Zweige oder Holz der wilden Olivenbäume als Brennmaterial sammelten – und ebenso die Oliven.
Nahrung sowie ideales Brennmaterial?
Die Wissenschaftler können zwar nicht definitiv beweisen, dass das Fruchtfleisch von den Jägern und Sammlern verspeist wurde, doch davon ist wohl auszugehen. Denn warum sollten sie diese nahrhafte Kost ungenutzt gelassen haben? „Es scheint zwar möglich, dass ganze Olivenzweige ins Feuer geworfen wurden und die daran hängenden Früchte einfach verbrannten“, sagt Marquer. „Allerdings hätten wir dann anstatt der vielen Bruchstücke auch ganze Kerne finden müssen. Es spricht also alles dafür, dass Menschen zunächst die Früchte gegessen haben und anschließend bewusst die Kerne zerbrachen, um sie effizienter zu verbrennen“, so der Wissenschaftler.





