Realistische Darstellungen waren in der Malerei zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu, geradezu sensationell. Die Ausstellung von Géricaults „Das Floß der Medusa“ im Salon de Paris war 1819 und danach das Gesprächsthema weit über Künstlerkreise hinaus, zumal mit dem Bild eine bizarre Geschichte aus Schiffskatastrophe und politischem Skandal zum Vorschein kam.
1816 hatte Frankreich einen Flottenverband zum Schutz der senegalesischen Kolonie an die westafrikanische Küste entsandt. Unterwegs lief die Fregatte „Méduse“ auf Grund. Weil nicht genügend Beiboote verfügbar waren, wurde für die rund 150 Infanteristen ein Floß gebaut, das man mit Booten vertäute. Doch nach wenigen Meilen kappten Offiziere einfach die Seile und setzten sich mit dem Kapitän Richtung Küste ab.
Géricaults Bild zeigt den Überlebenskampf der im Meer steuerlos treibenden Männer im Endstadium. Hunger, Durst und Krankheiten hatten die Mannschaft innerhalb zweier Wochen fast zur Gänze dezimiert. Der Rest hielt sich mit Kannibalismus am Leben.
Das Schicksal der „Medusa“-Mannschaft war das ideale Motiv, nach dem der ehrgeizige, junge Maler lange Zeit gesucht hatte. Er wollte ein Meisterwerk gestalten, das ihm zur künstlerischen Anerkennung noch fehlte. Géricault betrieb aufwendige Recherchen, um das Schicksal der Männer auf dem Floß aufzuklären. So verfügte er auch über Aussagen und Aufzeichnungen von Überlebenden. Ohne den Maler, Sohn eines Anwalts, hätten die Franzosen von all dem Grauen und dem Verbrechen Vorgesetzter an ihren Untergegebenen, das Hof und Armee vertuschen wollten, wohl nie erfahren.
Über Aufbau und Aussage seines Werkes dachte Géricault für seine Zeit erstaunlich modern. Er wollte nicht einfach eine Schiffskatastrophe abbilden, sondern den Moment in einem Psychodrama festhalten, der zwischen Überleben und Tod entscheidet.
Die in das Restlicht des verfinsterten Himmels getauchte Menschenpyramide schafft eine gespenstisch zwiespältige Untergangsstimmung. Um den Mast gruppierte der Maler die Todgeweihten, denen die symmetrisch plazierten, leblosen Körper bereits Gestorbener an den umspülten Floßplanken offenbaren, was ihnen bevorsteht. Die noch kräftigeren jungen Männer rechts im Bild glauben an den letzten Funken Hoffnung: Mit Tüchern winken sie einem am Horizont erspähten Schiff zu, das sie jedoch nicht bemerkt und weiterfährt. Tatsächlich tauchte wenig später das Schiff wieder auf –
es war Teil der Flotte – und nahm die Überlebenden, nur noch 15 Männer, an Bord.
Die volle Anerkennung als einer der Wegbereiter der modernen französischen Romantik erlebte Théodore Géricault nicht mehr. Mit nur 32 Jahren starb er an den Folgen eines Reitunfalls.





