Dies ist ein Tag zum Feiern“, erklärte der britische Energieminister Anthony Benn (1975–1979), „ein Tag, um die Firmen und die Menschen zu beglückwünschen, die das Öl vom Grunde der weltweit furchteinflößendsten und unberechenbarsten Gewässer an Land gebracht haben. Es ist eine außergewöhnliche technologische Leistung.“
Es war ein sonniger Junitag und Benn erst seit weniger als einer Woche im Amt. Zuvor war er Industrieminister gewesen – ein Posten, von dem ihn Premierminister Harold Wilson abgezogen hatte, um der internationalen Finanzwelt und der City of London zu zeigen, dass seine Regierung auf kein Kräftemessen aus war. Anthony Benn spielte eine wichtige Rolle in Wilsons zweitem Kabinett (1974–1976), er bezog die Gewerkschaften ein und einigte sich mit den Bergarbeitern. Seine Zugehörigkeit zum linken Flügel der Labour-Partei bot indes Anlass, in den Reihen der Unternehmen Unruhe zu stiften. Die Versetzung ins Energieministerium sollte die Sorgen der Finanzelite zerstreuen.
In seiner neuen Rolle war Benn nun zu dem Öltanker gefahren worden, der das erste britische Öl aus dem Argyll Field in der Nordsee geladen hatte. In einer Eröffnungszeremonie für die Journalisten drehte er das Ventil auf, um den Fluss des Öls von Bord des Tankers Richtung Festland zu ermöglichen. Tatsächlich floss an diesem Tag aber noch gar kein Öl durch die Leitung. Man hatte befunden, dies sei angesichts der versammelten Gesellschaft zu gefährlich. Benn verzichtete gänzlich auf politische Stellungnahmen, verließ den Öltanker aber nach dem Fototermin wohl mit gemischten Gefühlen.
Einerseits bot das Öl aus der Nordsee neue Perspektiven für die britische Wirtschaft, andererseits eröffnete sich mit ihm ein noch weitgehend unregulierter Raum für Ausbeutung und Profitmaximierung. Benns Frau Caroline konnte sich einen entsprechenden Kommentar nicht verkneifen: „Wie viele Menschen haben ihr Leben verloren, damit dieses erste Barrel Öl an Land gebracht werden konnte?“, wollte sie von dem amerikanischen Unternehmer Frederic Hamilton wissen, der diese Unternehmung für die britische Regierung durchführte. Dies sei, so sagte sie, das Einzige, was sie interessiere. Hamilton erwiderte ungehalten, er habe keine Ahnung, aber es sei unerheblich im Vergleich zu dem Vorteil, der Großbritannien und der ganzen Welt daraus erwachse. Die Sicherheitsstandards sollten noch lange schlecht bleiben und zahlreiche weitere Leben fordern.
Wie war es überhaupt dazu gekommen, dass die britische Regierung sich dazu entschlossen hatte, Bohrinseln in der von Benn zu Recht als unberechenbar beschriebenen Nordsee zu errichten? Die USA, Großbritannien und weite Teile der westlichen Welt waren zu dieser Zeit von der Ölförderung im Nahen Osten abhängig. Der Bedarf an Öl war enorm gestiegen. Schon früh war klar, dass Krisen in dieser Region weltweit zu Problemen führen könnten. Die Befürchtungen bewahrheiteten sich, als 1973 der Jom-Kippur-Krieg ausbrach und die Organisation der arabischen Erdöl exportierenden Staaten (OAPEC) die Fördermengen drosselte, um den Westen von seiner Unterstützung Israels abzubringen.





