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Schrecken der Monopolisten
Außenpolitisch verlieh Präsident Theodore Roosevelt (1901 –1909) den USA die Kontur einer kommenden Weltmacht, wie wir im ersten Teil unserer Miniserie über den Republikaner dargestellt haben. Auch innenpolitisch setzte der 26. US-Präsident Akzente: Vor allem beschnitt er die Übermacht der industriellen Großkonzerne – der sogenannten Trusts.
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Niemals wieder hat es eine so große junge Familie im Weißen Haus gegeben: Theodore Roosevelt und seine zweite Frau Edith zogen im September 1901 in die berühmte Adresse 1600 Pennsylvania Avenue ein – mit fünf kleinen Kindern und einem Teenager, Theodores Tochter Alice aus seiner kurzen und tragisch zu Ende gegangenen ersten Ehe. Die amerikanische Öffentlichkeit war davon fasziniert, dass nach würdigen Herren und meist zurückhaltenden First Ladies nun das Weiße Haus vom Lachen der lebhaften Sprösslinge widerhallte.
Die Streiche der kleineren Kinder (ebenso wie die Extravaganzen von Alice, die – man glaubte es kaum – beim Rauchen erwischt wurde), ihre alltäglichen Vergnügungen, waren für die Zeitungen ein Garant für hohe Auflagen. In den Innenräumen wurde die Grenze zwischen Amtssitz und Spielstube durchlässig, da Theodore – wie das Publikum amüsiert las – bisweilen die Staatspapiere liegen ließ und auf allen Vieren mit den Jüngsten über die schweren Teppiche kroch.
Der Garten des Weißen Hauses wurde zu einer Menagerie, in der die Roosevelt-Kinder unterschiedliche Spezies, darunter auch ein Lama, hielten. Bis zu acht Pferde und zwei Ponys grasten zeitweise auf dem Rasen des Weißen Hauses. Sohn Archie hatte einen Dachs namens Josiah, während sich Alice eine Schlange als Haustier hielt.
Die Liebe des 26. US-Präsidenten zur belebten Natur war Antrieb, ein Vermächtnis zu hinterlassen, das heute US-Amerikaner wie internationale Besucher gleichermaßen erfreut: Theodore Roosevelt ging als der große Umwelt- und Naturschützer unter den Präsidenten in die US-Geschichte ein. „Teddy“ baute das System dieser Schutzgebiete aus und gründete fünf neue Nationalparks, von denen es heute in den USA insgesamt 63 gibt.
Zudem schuf er mit dem „United States Forest Service“ rund 150 „National Forests“ und schützte mit den Staatsforsten großflächige Areale, vor allem im Westen der USA, vor Zersiedlung und wirtschaftlicher Ausbeutung. „Wir haben es uns angewöhnt“, so erklärte er in einer seiner Botschaften zur Lage der Nation, „von den Ressourcen dieses Landes als unerschöpflich zu sprechen, aber das sind sie nicht.“ Fast eine Million Quadratkilometer wurden während seiner Amtszeit unter Schutz gestellt.
Die Großkonzerne mit ihrer Übermacht untergraben den uramerikanischen Glauben an die Fairness
Noch auf einem anderen Feld wurde Theodore Roosevelt aktiv – auf dem der „Trusts“. Diese übermächtigen Firmenkonglomerate drohten durch ihre Monopolstellung die Wirtschaft zu dominieren. Die Profitgier solcher Unternehmen und damit die Seele des Kapitalismus US-amerikanischer Prägung hatte ein Domizil, dessen Schluchten im Gegensatz zu jenen des Grand Canyon nicht von der Natur, sondern von Menschenhand geschaffen wurden: Manhattan. Dort wuchsen die ersten Wolkenkratzer in die Höhe. Dem „Tower Building“ von 1889 mit seinen noch bescheidenen elf Stockwerken folgten rasch weitere Hochhäuser wie das bald die Skyline dominierende „Singer Building“ (1908; 41 Stockwerke) und das für die Epoche geradezu symbolträchtige „Flatiron Building“ (1902; 22 Stockwerke).
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In den Straßenschluchten Manhattans hatten viele der großen Konzerne der USA ihren Sitz, regierten die „Tycoons“, die Wirtschaftskapitäne der besonders aggressiv expandierenden Branchen wie der Stahlindustrie, der Ölproduzenten und der Banken. Viele dieser Industriebosse wurden einerseits in ihrem Erfolg bewundert. Zeitungen und Magazine ließen das Publikum immer wieder einmal einen Blick auf den Lebensstil und das Geschäftsgebaren von John D. Rockefeller, Cornelius Vanderbilt, John Pierpont Morgan oder Andrew Carnegie werfen. Dass sich für die Klasse dieser Wirtschaftsgiganten andererseits der Begriff robber barons („Raubritter“) eingebürgert hatte, macht deutlich, was die Öffentlichkeit von den Methoden dieser Großkapitalisten hielt.
Niemand schien ihnen Grenzen zu setzen – bis sie zu ihrem Entsetzen auf den Widerstand eines Präsidenten aus der grundsätzlich sehr wirtschaftsfreundlichen, von den Industriellen gern unterstützten Republikanischen Partei stießen. Theodore Roosevelt war entschlossen, als trust buster, als derjenige, der die Macht dieser Großkonzerne beschnitt, in die Geschichte einzugehen. Wie jede Aufgabe, so ging er auch diese mit Feuereifer an.
Als Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmanns war Roosevelt fast selbstverständlich von den Segnungen des freien Marktes überzeugt. Er glaubte an das uramerikanische Credo, wonach man in diesem Land alles schaffen kann, wenn man die amerikanischen Ideale verinnerlicht und hart arbeitet. Indes hatte ihm seine Biographie, sein Aufenthalt in der Prärie von North Dakota und das Erleben des kurzen Kuba-Feldzuges mit seinen „Rough Riders“, Kontakt mit Menschen aus den weniger privilegierten Gesellschaftsschichten verschafft. Dies und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn ließen ihn das Gebaren der stetig ihre Macht erweiternden Trusts mit Misstrauen beobachten.
Das Konstrukt des Trusts sah vor, dass die Aktien der in ihm zusammengeschlossenen Firmen einem formal unabhängigen Vorstand (board) übergeben wurden, der die Kombination dieser einzelnen Korporationen damit unisono lenken konnte. Dies machte Trusts gegenüber Zivilklagen weitgehend immun. John D. Rockefeller, das Musterbeispiel eines Monopolisten, hatte auf diese Weise rund 90 Prozent des Ölgeschäfts in den USA unter seine Kontrolle gebracht. Die Trusts nahmen nach Einschätzung ihrer Kritiker etwas dem amerikanischen Wirtschaftssystem Essentielles: den Wettbewerb. Sie hatten die Möglichkeit, die Preise zu diktieren, weswegen Kritiker sie für die spürbare Inflation verantwortlich machten.
Der erste Fall: 1902 trifft es die „Northern Securities Company“
Eine Regulierung durch Gesetze gab es zunächst nicht, und nach Roosevelts Einschätzung sollten sie auch nicht verboten, sondern überwacht werden. Das Treiben der Trusts war eigentlich nicht illegal – zumindest nicht, bevor entsprechende Gesetze erlassen wurden. Die Notwendigkeit, die Freiheit des Wettbewerbs zu bewahren und der Monopolisierung vorzubeugen, hatten auch Roosevelts direkte Vorgänger und vor allem der Kongress erkannt, der bereits 1890 den „Sherman Antitrust Act“ (benannt nach Senator John Sherman, Ohio) verabschiedete. Während die Präsidenten Grover Cleveland (1885 –1889; 1893 –1897) und William McKinley (1897 –1901) auf der Basis dieses Gesetzes zusammen insgesamt 18-mal Verfahren gegen Großunternehmen in die Wege leiteten, sollte Theodore Roosevelt dieses Instrument für nicht weniger als 44 Verfahren nutzen.
Ein berühmtes Objekt seines antimonopolistischen Feldzugs war die „Northern Securities Company“. Sie war ein Konglomerat der wichtigsten Eisenbahngesellschaften. Der Trust war 1901 durch den Zusammenschluss dreier Eisenbahngesellschaften entstanden und hatte in weiten Teilen des Landes eine marktbeherrschende Stellung. Zu seinen Anteilseignern gehörten Multimillionäre wie Edward Harriman und J. P. Morgan. Der „Northern Securities Company“ war indes nur eine kurze Existenz beschieden, denn Roosevelt beauftragte bald nach Amtsantritt, im Februar 1902, das Justizministerium mit einer Klage gemäß dem „Sherman Act“.
Anteilseigner J. P. Morgan, sehr verärgert über diesen Vorstoß, war am
19. Februar 1902 zu Gast im Weißen Haus. Roosevelt erinnerte sich später mit sichtlichem Vergnügen an den Verlauf der Unterhaltung. Morgan, der von Zeitgenossen mal als Eisberg, mal als Vulkan beschrieben wurde, fragte den Präsidenten, warum man ihn nicht kontaktiert habe, damit er die Probleme hätte beheben können. So laufe das nicht, entgegnete Roosevelt. Ob die Regierung nun auch seine anderen Geschäftsfelder, zum Beispiel die Stahlindustrie, ins Auge fassen werde, wollte Morgan wissen. Der Präsidenten erwiderte zweideutig: „Ganz bestimmt nicht – es sei denn, wir finden heraus, dass irgendetwas gelaufen ist, das wir für falsch halten.“
Roosevelt beobachtete fasziniert, wie er später festhielt, dass Morgan ihn, den Repräsentanten der amerikanischen Bevölkerung, offenbar für nichts anderes hielt als für einen seiner zahlreichen Geschäftsrivalen, mit dem man – wie auch immer – zu einem „Deal“ kommen werde. Das Verfahren nahm seinen Lauf, das Justizministerium gewann den Prozess, und die „Northern Securities Company“ wurde nach einem Urteil des Obersten Bundesgerichts 1906 aufgelöst.
Entschlossen verfolgte Roosevelt weiterhin das Ziel, die Macht der Trusts zu beschneiden. Der bekannteste Großkonzern, gegen den nun eine Untersuchung eingeleitet und schließlich Anklage erhoben wurde, war die „Standard Oil Company“ des John D. Rockefeller; das mit der Zerschlagung des Giganten endende Verfahren begann kurz nach Ende der Präsidentschaft Theodore Roosevelts. In einer seiner Jahresbotschaften fasste Roosevelt seine Grundhaltung zusammen: „Es besteht weithin der Eindruck, dass Kombination und Konzentration wenn nicht verboten, so doch überwacht und in vernünftigem Rahmen eingeschränkt werden sollten. Und dies ist nach meiner Überzeugung richtig.“
Es passt zu dem durch und durch bibliophilen Theodore Roosevelt, dass ein zeitkritischer Bestseller ihn dazu brachte, auch in einem Industriezweig regulierend einzugreifen, der entscheidend dazu beitragen musste, den Hunger der gerade in den Metropolen wie New York und Chicago rapide wachsenden Bevölkerung zu stillen: Das war die Fleischindustrie. Mit seinem Roman „The Jungle“ (1906), für den er mehrere Wochen in den Schlachthöfen von Chicago gearbeitet und recherchiert hatte, beschrieb der Schriftsteller Upton Sinclair einerseits die katastrophalen Arbeitsbedingungen in den Fleischfabriken und andererseits die hygienischen Missstände dort.
Der sozialreformerische Sinclair schickte nach Erscheinen ein Exemplar des Buches an Roosevelt, der es kaum aus der Hand legen konnte. Roosevelt war erschüttert. Er ließ gegen die Bosse der Fleischindustrie eine Untersuchung einleiten, die Sinclairs Szenarien bestätigte. Die Untersuchungsergebnisse belegten aus Roosevelts Sicht „sowohl eine Gefahr für die Gesundheit als auch eine Missachtung jedweder Anständigkeit“.
Mit zwei Gesetzen, dem „Meat Inspection Act“ und dem „Pure Food and Drug Act“ (als dessen Folge 1927 die heute für das Gesundheitswesen so entscheidende „Food and Drug Administration“, FDA, entstand) wurde 1906 der Verbraucherschutz in den USA eingeführt; durch regelmäßige Inspektionen sollte den von Sinclair skizzierten Zuständen vorgebeugt werden. Konservativ, wie Roosevelt im Grunde seines Herzens war, konnte er sich Kritik an den Überzeugungen des Autors allerdings nicht verkneifen: „Ich wünschte, er hätte die sozialistische Tirade am Ende [des Buches] unterlassen; das lässt die Leute nur an seiner Urteilskraft zweifeln und die Fakten in Frage stellen.“
Gescheitert als Kandidat der „Progressive Party“
Theodore Roosevelt nannte sein innenpolitisches Programm den „Square Deal“ (square in diesem Fall nicht im Sinn von „quadratisch“, sondern von „anständig“), der den Menschen in den USA während seiner sieben Jahre im Weißen Haus drei Ergebnisse brachte: wichtige Schritte zur Bewahrung der Natur und ihrer Ressourcen, die Machtbegrenzung der großen Konzerne und den Verbraucherschutz. Er blickte auf diese und seine außenpolitische Bilanz wie vor allem den Bau des Panama-Kanals mit Stolz zurück, als er im März 1909 aus dem Amt schied. Mit 50 Jahren war Roosevelt der jüngste Ex-Präsident aller Zeiten, und die Öffentlichkeit rätselte, in welcher Funktion man den populärsten Politiker des Landes wiedersehen würde.
Die Rolle des Zuschauers war in der Tat für Roosevelt unerträglich. 1912 wurde er Präsidentschaftskandidat der Progressive Party und ruinierte damit die Aussichten seiner eigenen Partei, der Republikaner. Auch wenn Theodore besser abschnitt als jeder third-party candidate (das sind die Kandidaten, die nicht für eine der beiden großen Parteien antreten) in der US-Geschichte, zweigte er doch genügend Wählerstimmen von seinem Nachfolger William Howard Taft ab, um den Sieg des Demokraten Woodrow Wilson zu garantieren.
Seinen letzten grandiosen Auftritt hatte er während des Präsidentschaftswahlkampfs. Kurz vor einer Rede in Milwaukee am 14. Oktober 1912 trat ein Mann auf ihn zu und feuerte aus kurzer Distanz auf den Ex-Präsidenten. Das dicke Redemanuskript und das Brillenetui in seiner Tasche bremsten den Lauf der Kugel ab, so dass Roosevelt nur eine leichte Verletzung erlitt. Gegen den Rat seiner Berater bestieg er dennoch das Podium, bat das Publikum um Ruhe und erklärte: „Ich weiß nicht, ob ihr alle mitbekommen habt, dass gerade auf mich geschossen wurde. Um einen Elchbullen [sein Spitzname war Bull Moose] zu töten, ist mehr notwendig als das.“
Theodore Roosevelt starb bereits 1919 an den Spätfolgen gesundheitlicher Schäden, die er 1913/14 bei einer Expeditionsreise ins Amazonasbecken erlitten hatte.
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