Sie gehören zu den prominentesten Funden aller Zeiten: Vor rund 70 Jahren wurden in Felshöhlen nahe Qumran am Toten Meer Tonkrüge entdeckt, die Reste von Schriftrollen mit alttestamentarischen sowie kultisch-liturgischen Texten enthielten. Sie werden in die Zeit vom 3. Jahrhundert v. Chr. bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. datiert und geben somit Einblick in die Grundlagen jüdisch-christlicher Kultur. Wer die Rollen beschriftet hat, lässt sich nicht klären, denn sie sind nicht signiert. Der einheitlich wirkende Schreibstil lässt zunächst vermuten, dass nur ein Schreiber jeweils eine Rolle beschrieben hat. Doch möglicherweise bemühten sich die antiken Kopisten nur gezielt um ein standardisiertes Aussehen der Manuskripte. Anhand von Auffälligkeiten in der Schrift wurde auch bereits in einigen Fällen vermutet, dass mehrere Personen am Werk gewesen waren. Doch bisher handelte es sich dabei um umstrittene Einschätzungen, da sie auf subjektiven Eindrücken beruhen.
Die Große Jesajarolle im analytischen Blick
Deshalb haben die Wissenschaftler um Mladen Popović von der Universität Groningen nun Verfahren der künstlichen Intelligenz zur Analyse der Handschriften eingesetzt. Sie konzentrierten sich bei ihrer Studie auf die Untersuchung der Großen Jesajarolle aus der Qumran-Höhle 1. Die 7,34 Meter lange Pergamentrolle wurde wahrscheinlich im 2. Jahrhundert v. Chr. beschrieben und umfasst den Text des Buches Jesaja in hebräischer Sprache. Die Schrift dieser Rolle wirkt zwar ebenfalls auf den ersten Blick einheitlich, dennoch wurde anhand von augenscheinlichen Hinweisen bereits vermutet, dass sie von zwei Schreibern angefertigt worden sein könnte.
Um die Schrift detailliert analysieren zu können, setzten die Forscher zunächst ein lernfähiges künstliches neuronales Netz ein, um die Spuren der Tinte deutlich vom Hintergrund der Strukturen des Schriftrollenmaterials zu trennen. Anschließend war es dann möglich, durch weitere Verfahren der künstlichen Intelligenz, feine Unterscheide und Charakteristika in den handgeschriebenen Zeichen zu erfassen. Dabei stand vor allem ein hebräisches Schriftzeichen im Fokus: “Die Schriftrolle enthält den Buchstaben aleph mindestens 5000-mal. Es ist unmöglich, sie alle mit dem Auge zu vergleichen. Computer sind hingegen gut geeignet, um solche große Datenmengen zu analysieren“, sagt Co-Autor Lambert Schomaker. „Die digitale Bildverarbeitung ermöglicht alle Arten von Computerberechnungen auf der Mikroebene von Zeichen, wie beispielsweise die Messung von Krümmungen“, erklärt der Wissenschaftler.
Zwei Schreiber zeichnen sich ab
Wie er und seine Kollegen berichten, ergaben ihre Analysen: Die insgesamt 54 Textspalten der Großen Jesajarolle sind zwei Schreibern zuzuordnen. “Es gelang uns unter anderem zu zeigen, dass der zweite Schreiber etwas mehr Variation in seiner Schrift aufweist als der erste, obwohl ihre Schrift insgesamt sehr ähnlich erscheint“, sagt Schomaker. Die Wissenschaftler konnten zudem dokumentieren, dass der erste Schreiber bis zur Spalte 27 geschrieben hat und dann der zweite den Rest der Rolle vollendete und damit eine bisher umstrittene Vermutung bestätigen. “Wir konnten nun diese Einschätzung mit unserer quantitativen Analyse der Handschrift sowie durch robuste statistischen Analysen untermauern“, so Popović.





