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Schweden ist der große Verlierer
Im Anschluss an die Schlacht bei Poltawa verlagerte sich das Kriegsgeschehen nach Norddeutschland und auf die skandinavische Halbinsel. Brandenburg-Preußen und Braunschweig-Lüneburg verstärkten 1715 die antischwedische Allianz. 1718 fand Karl XII. in der Schlacht den Tod.
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Im Jahr 1790 starb Bengt Enschildsen im Alter von 104 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Norweger einer der letzten Zeitzeugen des Großen Nordischen Kriegs gewesen sein. Enschildsen war unter anderem an der Verteidigung der Festung Fredrikshald beteiligt, als König Karl XII. von Schweden dort am Abend des 11. Dezember 1718 von einer Kugel getroffen wurde und in den Laufgräben vor der Festung starb. Zu diesem Zeitpunkt war der Monarch 36 Jahre alt und hatte sich buchstäblich sein halbes Leben lang im Krieg befunden.
Der Krieg dauerte nach dem Tod Karls XII. drei weitere Jahre an. An dessen Ende hatte Schweden bis auf Vorpommern alle seine Provinzen im Ostseeraum verloren. Das im Lauf des 17. Jahrhunderts zur europäischen Großmacht avancierte Königreich war nur noch eine Mittelmacht an der nordeuropäischen Peripherie, während Russland und Brandenburg-Preußen zu neuer Größe aufstiegen.
August der Starke will die polnische Krone zurück
Nach der schwedischen Niederlage bei Poltawa 1709 trat August der Starke wieder aktiv in den Krieg gegen Karl XII. ein. Sein Ziel war es zum einen, die polnisch-litauische Krone zurückzuerlangen, zu deren Verzicht Karl XII. ihn mit dem Frieden von Altranstädt (1706) gezwungen hatte. Zum anderen hoffte er darauf, durch die Eroberung der Provinzen der schwedischen Krone in Norddeutschland Verhandlungsmasse gegenüber Brandenburg-Preußen zu gewinnen, um eine Landbrücke zwischen seinen kurfürstlichen Territorien und Polen-Litauen schaffen zu können. Friedrich IV. von Dänemark-Norwegen sah ebenfalls die Zeit gekommen für eine Erneuerung seiner gegen Schweden gerichteten Politik. Allerdings verlief sein Angriff auf Südschweden im März 1710 erfolglos.
Nach der Pestwelle 1710 wurde das Kriegsgeschehen erst im darauffolgenden Jahr wieder intensiviert und zunehmend in den norddeutschen Raum verlagert. Ziel der antischwedischen Alliierten war es, Vorpommern einzunehmen. Konkret war die Belagerung Wismars durch die dänische Armee und die Stettins durch sächsisch-russische Einheiten vereinbart worden. Zusammen mit Stralsund bildeten diese mächtigen Festungen das Rückgrat der schwedischen Verteidigung in Norddeutschland und dienten der schwedischen Armee als Rückzugsort.
Im August 1711 begann die Belagerung Wismars. Etwa zeitgleich rückten die sächsisch-russischen Truppen auf Schwedisch-Pommern vor. Nachdem sich die beiden Armeen Anfang September vor Stralsund vereinigt hatten, diskutierten der dänische König und der sächsische Kurfürst erneut die Ausrichtung der Kampagne. Es war vor allem August der Starke, der auf die Einnahme Stralsunds drängte, das aufgrund seiner geographisch vorteilhaften Lage das natürlich geschützte schwedische Verteidigungszentrum bildete. Friedrich IV. von Dänemark-Norwegen war aufgrund der Nähe zu seinen Territorien und den schwedischen Besitzungen Bremen und Verden mehr an Wismar interessiert, beugte sich aber dem Druck des Allianzpartners.
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Die kurzfristigen Planänderungen in Kombination mit einem Mangel an schwerer Artillerie, fehlender Seeunterstützung und Nachschubproblemen führten im Januar 1712 zur Aufgabe des Unterfangens. In den folgenden drei Jahren scheiterten weitere Belagerungsversuche trotz der Unterstützung durch die dänische Flotte. Erst die im Juli 1715 begonnene erneute Belagerung durch sächsische, brandenburg-preußische (König Friedrich Wilhelm I. hatte sich im Mai offiziell der militärischen Allianz gegen Schweden angeschlossen) und dänische Einheiten war erfolgreich. Am 23. Dezember 1715 kapitulierte Stralsund.
Am Tag zuvor hatte der schwedische König die Stadt verlassen. Seit seiner Rückkehr aus dem Exil im November 1714 hatte er sich hier aufgehalten. Karl XII. setzte nach Schweden über und richtete seine Aktivitäten nunmehr gegen Norwegen. Stralsund wurde dänischem Kommando unterstellt und stand ebenso wie der Rest des nördlich des Flusses Peene gelegenen Teils Vorpommerns bis 1721 unter dänischer Verwaltung.
Auch Stettin wird von der Allianz eingenommen
Obwohl die Ausgangslage für die schwedischen Verteidiger aufgrund der ausreichenden Vorräte in der Stadt und des guten Zustands der Verteidigungsanlagen günstiger war, gestaltete sich die Einnahme Stettins letztlich weniger langwierig als die Stralsunds. Auch in diesem Fall wurde eine erste russische Belagerung 1712 nicht zu Ende geführt, da die russischen Verbände zum Entsatz des dänischen Verbündeten in Mecklenburg benötigt wurden, wohin dänische Einheiten die schwedische Armee verfolgt hatten.
Eine zweite Belagerung Stettins im darauffolgenden Jahr war erfolgreich: Im Juli 1713 ließ der russische General Alexander Danilowitsch Menschikow (1673 –1729) seine Truppen Stellung beziehen. Unterstützt wurde er dabei von sächsischen Einheiten. Nachdem Menschikow die Festung am 28. September 1713 acht Stunden lang hatte beschießen lassen, kapitulierte Stettin am nächsten Tag. Im Schwedter Vertrag vom 6. Oktober 1713 wurde festgelegt, dass Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg-Preußen die Festung sowie Vorpommern südlich der Peene gegen eine Zahlung von 400 000 Reichstalern an seine Bündnispartner unter Zwangsverwaltung nehmen konnte.
Damit erreichte der König ein zentrales Ziel brandenburg-preußischer Politik seit 1648. Sowohl Schweden als auch Brandenburg hatten nach dem Aussterben des pommerschen Herzogshauses Anspruch auf Pommern erhoben. Im Westfälischen Frieden war das Herzogtum zwischen beiden Mächten aufgeteilt worden, wobei Schweden außer Vorpommern auch das östliche Oderufer mitsamt Stettin zugesprochen worden war. Seitdem strebten die brandenburgischen Kurfürsten danach, ganz Pommern in ihren Besitz zu bringen.
Der im August 1711 begonnene Versuch, Wismar zu erobern, scheiterte gleichfalls beim ersten Versuch. Im Juni 1715 kreisten dann dänische und brandenburg-preußische Truppen die Stadt ein. Mit dem Kriegseintritt Braunschweig-Lüneburgs (Hannovers) verstärkten dessen Einheiten die Belagerer. Allerdings gelang es den Angreifern erst Anfang April 1716, auch den Seeweg nach Wismar zu blockieren und die Stadt somit von jeglicher Versorgung abzuschneiden. Zeitgleich wurden die Belagerer durch russische Verbände verstärkt. Am 20. April 1716 kapitulierte die Festung. Drei Tage später wurde sie übergeben und unter die gemeinsame Verwaltung Dänemark-Norwegens, Brandenburg-Preußens und Braunschweig-Lüneburgs gestellt.
Damit war die letzte der drei schwedischen Festungen im südlichen Ostseeraum von den antischwedischen Alliierten eingenommen worden. Die Besitzungen Karls XII. in Norddeutschland befanden sich nun vollständig in Feindeshand.
Bereits 1712 eroberten Truppen Friedrichs IV. von Dänemark-Norwegen das Herzogtum Bremen. Der dänische Plan, Kontrolle über den Elbe-Weser-Raum und den Handel dort zu erreichen, scheiterte allerdings am Widerstand des Hannoveraner Kurfürsten Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg (1698 –1727). Denn die Herzogtümer grenzten nicht nur unmittelbar an dänische, sondern auch an die kurfürstlichen Territorien und stellten einen wichtigen strategischen Vorteil für die (militärische) Kontrolle über den nordwestdeutschen Raum dar.
Georg Ludwig wollte weder den dänischen Angriff aktiv unterstützen, noch wollte er Friedrich IV. von Dänemark-Norwegen als direkten Nachbarn in seiner Einflusssphäre dulden. Deswegen ließ er in Absprache mit der schwedischen Regierung des Herzogtums Bremen zeitgleich mit dem Einfall der dänischen Armee dort das Herzogtum Verden von seinen Truppen besetzen, unter der Vorgabe, das Ausgreifen der Pest auf seine Territorien verhindern und die schwedischen Souveränitätsrechte wahren zu wollen.
Nach dem Sieg der schwedischen Armee bei Gadebusch am 20. Dezember 1712 überredete Mauritz Vellingk (1651–1727), Generalgouverneur der schwedischen Provinzialregierung in Stade, General Magnus Stenbock (1665 –1717) dazu, das nahegelegene dänische Altona zu besetzen. Stenbock marschierte in der Stadt ein und drohte den Einwohnern: Sollten sie keine 100 000 Reichstaler übergeben, würde die Stadt in Flammen aufgehen. Als die Altonaer die Summe nicht aufbringen konnten, brannten die Schweden die Stadt in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar 1713 nieder.
Das Herzogtum Bremen geht an das Haus Hannover
Drei Jahre nach dem faktischen Verlust der schwedischen Herzogtümer wurde im dänisch-hannoverschen Allianzvertrag schließlich die Überlassung Bremens an Braunschweig-Lüneburg gegen eine Zahlung von 300 000 Reichstalern vereinbart, zudem trat Kurfürst Georg Ludwig (seit 1714 auch König von Großbritannien) der anti-schwedischen Allianz bei. Am 15. Oktober 1715 wurde das Herzogtum an den neuen Landesherrn übergeben.
Durch die Eroberung der norddeutschen Provinzen fielen Zufluchtsorte für schwedische Militärangehörige weg, die infolge der umfangreichen Feldzüge in (Süd-)Osteuropa überall in Zentral- und Südeuropa versprengt waren. Als einziges schwedisches Territorium im Heiligen Römischen Reich verblieb die Grafschaft Pfalz-Zweibrücken, die seit 1681 zum Herrschaftsbereich der schwedischen Krone gehörte. Dorthin begaben sich seit 1715 kontinuierlich schwedische Marine- und Armeeangehörige, in der Hoffnung von dort aus nach Schweden gelangen zu können.
Parallel zum Kriegsgeschehen in Norddeutschland dauerte der Krieg im nordöstlichen Ostseeraum an. Nach der Kapitulation Rigas am 4. Juli 1710 versicherte Peter I. dem livländischen Adel, dessen althergebrachte Privilegien wieder einzuführen und zu garantieren. Diese hatte Karl XI. von Schweden in den 1680er Jahren abgeschafft.
Eine ähnliche Vereinbarung wurde auch mit dem estländischen Adel nach der Kapitulation Revals (Tallinns), die den Abschluss der Eroberung des Baltikums markierte, im September 1710 eingegangen. Diese sogenannten Baltischen Kapitulationen bildeten die Grundlage für die Sonderstellung Estlands und Livlands innerhalb des russischen Imperiums.
Nach der Einnahme des Baltikums wandte sich Peter I. Finnland zu. Mit Unterstützung der neu aufgebauten russischen Flotte gelang es der russischen Armee in den Jahren 1713 bis 1714, große Teile Finnlands sowie Åland einzunehmen. Von Finnland aus richteten sich die Angriffe der russischen Truppen in den folgenden Jahren wiederholt gegen Nordschweden. Damit erreichte der Krieg erneut das schwedische Kernland.
Nach dem Tod Karls XII. attackiert Peter I. die schwedische Küste
Intensiviert wurden diese Angriffe nach dem Tod Karls XII. im Dezember 1718. Die zwischen 1719 und 1721 in großer Zahl verübten Attacken der russischen Flotte auf Städte und Orte an der schwedischen Ostküste zwischen Stockholm und Umeå belasteten vor allem die Zivilbevölkerung, die nach fast zwei Jahrzehnten im Krieg ohnehin stark von Rekrutierungen, Ressourcenmangel und Krankheiten gezeichnet war. Peter I. wollte so Zugeständnisse bei den seit 1718 auf Åland zwischen Schweden und Russland abgehaltenen Friedensverhandlungen erzwingen.
Wie zahlreiche frühere Friedenssondierungen während der zweiten Hälfte des Großen Nordischen Kriegs scheiterten auch die Åland-Verhandlungen. Anders als der Spanische Erbfolgekrieg oder frühere europäische Konflikte wurde der Konflikt nicht durch einen zentralen Friedenskongress beendet. Der von Kaiser Karl VI. (1685 –1740) 1712 initiierte Braunschweiger Kongress scheiterte, und auch die Wiederaufnahme der Verhandlungen 1714 war nicht erfolgreich.
Letztlich konnte der Krieg erst mit einer Reihe bilateraler Friedensverträge Schwedens mit Russland, Dänemark-Norwegen, Brandenburg-Preußen und Hannover zwischen 1719 und 1721 beigelegt werden. Mit August dem Starken kam es zu keinem Friedensschluss. Erst 1732 erklärte man den Konflikt einvernehmlich für beendet.
Die Verträge von Stockholm, Fredriksborg und Nystad bestätigten Russland, Brandenburg-Preußen und Braunschweig-Hannover die während des Kriegs erlangten Gebietsgewinne. Finnland und der nördliche Teil Vorpommerns wurden an Schweden zurückgegeben. Dennoch verlor das Königreich fast alle seine Ostseeprovinzen und seinen Status als Großmacht.
Dem Großen Nordischen Krieg schloss sich im Ostseeraum eine mehr als acht Jahrzehnte andauernde neue „Ruhe im Norden“ an (sieht man von vereinzelten kurzen Konflikten ab). In der norwegischen Historiographie wird diese Phase als „Friedensjahre“ bezeichnet, sie steht in starkem Kontrast zu den zahlreichen Kriegen des 18. Jahrhunderts im Rest Europas.
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