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Schwedens Dominanz im Baltikum
Seit dem Dreißigjährigen Krieg war Schweden die dominierende Macht in der Region rund um die Ostsee. Der „Erste Nordische Krieg“ zwischen 1655 und 1660 festigte diese Position. Doch gegen Ende des 17. Jahrhunderts machten die Nachbarn gegen Schweden mobil.
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Das Königreich Schweden beherrschte als militärische und maritime Großmacht das nordöstliche Europa und den Ostseeraum des 17. Jahrhunderts. Diese schwedische Großmachtstellung, bereits von den Zeitgenossen als „Dominium maris baltici“ (der Begriff ist seit 1614 nachgewiesen), als „Herrschaft über den Ostseeraum“ bezeichnet, war mit Blick auf das wirtschaftliche und politische Potential Schwedens keineswegs vorherbestimmt.
Das historische schwedische Kernland war dünn besiedelt und hatte Ende des 17. Jahrhunderts zusammen mit Finnland etwa 1,4 Millionen Einwohner. Andere nordische Staaten wie Dänemark – zeitgenössisch in Personalunion mit Norwegen, angegliedert waren auch Schleswig und Holstein – hatten ein vergleichbares ökonomisches und demographisches Potential.
In den südlichen Ostsee-Anrainerstaaten, in Polen-Litauen und den deutschen Territorien, lebten deutlich mehr Menschen, gesellschaftliche und religiöse Konflikte behinderten aber eine Expansion dieser Mächte. Das Großfürstentum Litauen wurde zwischen 1696 und 1698 durch einen Bürgerkrieg zwischen den magnatischen Familien mit mehreren tausend Toten erschüttert.
Städte wie Danzig und Königsberg waren zeitgenössisch deutlich größer als Stockholm. Danzig zählte mit vermutlich fast 80 000 Einwohnern um 1650 zu den größten Städten im deutschsprachigen Raum, während in Stockholm kaum die Hälfte davon lebte.
Das Land ist konfessionell homogen strukturiert
Die schwedische Machtstellung in seiner Großmachtzeit (schwedisch: stormaktstiden) ruhte auf drei Säulen: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Militär und merkantilistische Zolleinnahmen. Im Unterschied zu den mitteleuropäischen Gesellschaften, die von ständischen und religiösen Konflikten geprägt waren, lebten im Schwedischen Reich überall lutherische Bauern, regiert von einer schmalen Adelselite und einer schwedischen lutherischen Staatskirche. Katholiken bildeten eine gesellschaftlich ausgegrenzte kleine Minderheit, das Bürgertum besaß keine eigene Machtposition.
Ein unumstrittenes dynastisches Königtum mit Führungsanspruch und eine leistungsfähige Verwaltung mit einem seit 1635 ausgebauten Postsystem sicherten die Machtstellung ab. Letzteres sorgte zusammen mit der Flotte auch für ein sehr effektives Nachrichtenwesen. Durch das wiederholte Bündnis mit der französischen Großmacht suchte sich Schweden im europäischen Machtsystem abzusichern.
Seit den Zeiten Gustavs II. Adolf (1611–1632) stützte sich Schweden vor allem auf eine schlagkräftige Armee und eine funktionsfähige Flotte. Den Herrschern kam dabei wiederholt die Funktion von „Heerkönigen“ zu, die mit ihren Soldaten selbst in Feldzügen operierten (Karl X. Gustav, 1654 –1660), aber auch auf dem Schlachtfeld fielen, wie etwa Gustav II. Adolf 1632 bei Lützen oder – wie wir noch sehen werden – Karl XII. (1697–1718). Der Mut der Könige stärkte die Moral der Soldaten und den Zusammenhalt der Armeen.
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Durch mehrfache Heeresreformen nach oranisch-niederländischem Vorbild sicherte das schwedische Militär zudem seine Modernität. Einheiten wurden als Provinzregimenter aufgestellt, was die Soldaten zusammenschweißte. Die Rekruten zog man durch ein Einteilungswerk (indelningsverk) vor allem unter schwedischen und finnischen Bauern ein. Da ein Rekrutierungssystem schnellen Ersatz von Verlusten ermöglichte, konnten sich die Schweden eine Taktik leisten, die auf Entscheidungsschlachten angelegt war.
Die Soldaten waren auch beim Sturmangriff diszipliniert, suchten mit geeigneten Waffen den Nahkampf und verzichteten auf komplizierte Manöver. Das Militär konnte sich auf zahlreiche moderne Festungsanlagen und eine entwickelte Artillerie stützen. Um 1700 standen bei rund 2,5 Millionen Einwohnern rund 76 000 Soldaten (Heer: 65 000, Flotte: 11 000) zur Verfügung, das entsprach fast drei Prozent der Bevölkerung.
Eine Armee, die selbst bei zahlenmäßiger Unterlegenheit oft siegreich ist
Die Gesamtzahl der Soldaten war damit im europäischen Vergleich nicht übermäßig hoch, dennoch war die schwedische Armee wegen ihrer Erfolge damals europaweit berühmt und gefürchtet. Die durch die ständigen Kriege – im 17. Jahrhundert führte Schweden mit Ausnahme der Friedenszeit zwischen 1679 und 1700 fast immer Krieg – sehr erfahrenen Soldaten blieben trotz häufiger zahlenmäßiger Unterlegenheit fast immer siegreich.
Die Größe und die Schlagkraft des Militärs hatten allerdings eine Kehrseite: Heer und Flotte benötigten jährlich große finanzielle Mittel. In den 1670er Jahren bedrückten hohe Schulden den schwedischen Staatshaushalt. Dieser konnte nur durch Hilfszahlungen aus Frankreich vor dem Staatsbankrott gerettet werden. Die Finanzierung von Flotte und Heer erfolgte erstens aus den sehr hohen Einnahmen der Zollkammern der schwedischen Ostseehäfen, zweitens auf der Basis der durch Kataster ermittelten Grundsteuer und drittens der Kopfsteuer. Schweden war einer der am weitesten entwickelten Fiskalstaaten der Zeit.
Die territoriale Gestalt des Reichsverbands ging dabei erheblich über das heutige Schweden hinaus und schloss weite Regionen südlich der Ostsee ein: Finnland, Estland und Livland (das heutige Estland und die nördliche Hälfte Lettlands), Ingermanland (der heutige russische Oblast um Sankt Petersburg), Karelien, Schwedisch-Pommern, Wismar und die Herzogtümer Bremen-Verden.
Bemerkenswert ist, dass dieser Besitzstand einen großen Teil der Ostseehäfen (außer Kopenhagen, Danzig und Königsberg) und auch die Mündungshäfen an großen Flüssen umfasste. Hafenzölle waren daher eine wichtige Einnahmequelle.
Die größten Städte des stark agrarisch strukturierten Verbandes waren dabei nach Stockholm, Riga, Reval (Tallinn) und Stettin – die Verbindungen zwischen diesen Städten bezeichneten auch die zentralen schwedischen Kommunikationslinien.
Die Nachbarn leiden unter den hohen Zöllen
Die schwedische Herrschaft mit ihrem ausgeprägten merkantilistischen System und einer Politik hoher Zölle löste bei den anderen Ostsee-Anrainern und den nordeuropäischen Mächten wiederholt Kritik, ja sogar Widerstand aus. Insbesondere das territorial expandierende zaristische Russland war von der Ostsee abgeschnitten und musste für Importe sowie Exporte über die von Schweden kontrollierten Hafenstädte Zölle entrichten.
Polen-Litauen und Brandenburg-Preußen sahen sich ebenfalls benachteiligt, da ihre Exporte über die Düna via Riga und die Oder via Stettin ebenfalls durch Zölle belastet wurden. So wuchsen im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts antischwedische Stimmungen in allen Ostseestaaten.
Der schwedische Königshof in der Regierungszeit König Karls XI. (1660 – 1697) musste auf die hohen Staatsschulden und die Bedrohungen – die schwedischen Kolonien in Westafrika, der Karibik und Nordamerika gingen an die Niederlande verloren – reagieren. Gesucht wurde nach Mitteln, die staatlichen Finanzen zu sanieren.
Dabei griff man in den 1680er Jahren zu dem in der schwedischen Geschichte häufig angewandten System der „Reduktionen“: Insbesondere die adligen Grundherren mussten erhebliche Lehnsgebiete sowie umstrittene Territorien, deren rechtmäßigen Erwerb sie nicht nachweisen konnten, an die Krone abgeben. Besonders radikal wurden diese Reduktionen in Livland umgesetzt, der Adel soll dadurch bis zu 80 Prozent seiner Einkünfte verloren haben, der dortige Landtag wurde 1693 aufgelöst.
Die Sanierungsmaßnahmen stabilisierten den schwedischen Staat. Nach dem plötzlichen Tod Karls XI. 1697 erbte sein unerfahrener, erst 15-jähriger Sohn Karl XII. die Krone. Doch der Beamtenapparat und die Militärmacht stabilisierten das Land.
Aus der Außenperspektive wurde dies nicht wahrgenommen. Karl XII. galt als junger, unerfahrener und impulsiver Herrscher. Alle Ostseemächte hatten eigene Interessen, zumal alle Herrscher relativ jung und auf Eroberungen aus waren.
So wollte Dänemarks neuer König Friedrich IV. (1699–1730) die wiederholten Niederlagen gegen Schweden, den Verlust der Sundzölle und des südschwedischen Schonen (1658, bestätigt im sogenannten Schonischen Krieg 1674–1679) wettmachen. Aus seiner Sicht erschien die Situation günstig.
Insbesondere Russland unter dem jungen, seit 1696 in Alleinherrschaft regierenden Großfürsten und Zaren Peter I. drängte auf einen Meereszugang an der Ostsee. Peters eigenes Interesse für die Seefahrt war durch ein altes Boot geweckt worden, das er selbst 1688 auf dem Gut seines Großonkels entdeckt hatte. Es soll ein Geschenk der englischen Königin Elisabeth I. an Iwan IV. gewesen sein. Peter ließ das Botik (russisch für „kleines Boot“) reparieren, lernte als Jugendlicher Segeln und entwickelte eine Begeisterung für die Schifffahrt und den Schiffsbau.
Unter seiner Herrschaft entwickelte die russische Wirtschaft ein Schiffsbauprogramm, zu dessen Ausbau ausländische Fachkräfte ins Land geholt wurden. 1696 gelang es dank der neuen Schiffe, die osmanische Festung Asow am Don zu erobern. 1698 gründete der Zar mit Taganrog die erste russische Hafenstadt am Asowschen Meer.
Russlands Zar beschafft sich westliches Know-how
Von März 1697 bis zum Sommer 1698 unternahm Peter zusammen mit der als „Große Gesandtschaft“ bezeichneten Gruppe von Botschaftern, Beratern und weiteren Experten inkognito eine Auslandsreise. Der Zar wollte mehr über die westlichen Kenntnisse in Festungs- und Schiffsbau erfahren.
Während seiner ersten Station, dem mehrwöchigen Aufenthalt im schwedischen Riga, wurde seine Identität tatsächlich strikt geheim gehalten. Der schwedische Gouverneur von Livland, der als Architekt und Festungsbaumeister bekannt gewordene Erik Dahlbergh (1625 –1703), kannte nur Gerüchte und erfuhr erst bei der Abreise der Gesandtschaft im April, dass der Großfürst und Zar unerkannt ein Mitglied der Gesandtschaft gewesen war. Ausgerechnet diesem war die Besichtigung und Abzeichnung der Festungsanlagen verwehrt geblieben. Dieser vermeintlich kleine Fauxpas sollte Folgen haben. Von nun war die Identität Peters I., etwa bei seinen Besuchen in den Werften in Zaandam und Amsterdam, ein gut bekanntes Geheimnis.
Der dritte junge und tatendurstige Monarch war der sächsische Kurfürst August „der Starke“ (1694–1733), der zudem 1697 als August II. zum polnischen König gewählt wurde. August war der reichste Fürst des Heiligen Römischen Reichs und stützte sich auf die gut entwickelte sächsische Gewerbelandschaft sowie die Metalle aus dem Erzgebirge.
Seine finanziellen Mittel hatten ihm auch den Weg zur Krone in Polen-Litauen geebnet. Bei seiner Inthronisation schwor er den neuen Untertanen, dass er Livland für Polen-Litauen zurückgewinnen werde. Allerdings war Polen-Litauen ein dezentraler und fiskalisch schwacher Staatsverband, der das wirtschaftliche Potential seiner erheblich größeren Bevölkerung – um 1700 zwischen elf und zwölf Millionen Menschen – nicht ausnutzen konnte. Im Land gab es erhebliche regionale und ständische Sonderinteressen, die leicht in einen bündischen Widerstand und Konflikte münden konnten.
Vereint in der Gegnerschaft zum skandinavischen Rivalen
Die drei Herrscher der neuen antischwedischen Allianz waren alle Mitte 20, sehr ehrgeizig, machthungrig und strebten nach Ruhm. In Schweden sahen sie jeweils ein Haupthindernis für den Zuwachs der eigenen Größe.
Der sächsische Kurfürst und Peter I. trafen sich zu ersten Verhandlungen bereits im August 1698 in Rawa (heute Rawa Ruska in der Ukraine, gelegen an der Grenze zu Polen). Der Wettiner erhoffte sich von einer Eroberung Livlands und Estlands neue Territorien für seine Dynastie und ein Wachsen seines Prestiges in Polen-Litauen. Unterstützt wurde das Bündnis zwischen August dem Starken und Peter I. durch oppositionelle Adlige aus Livland mit Johann Heinrich von Patkul als livländischem Akteur und Diplomaten an der Spitze. Patkul floh nach einer Anzeige wegen Majestätsbeleidigung aus dem schwedischen Machtbereich, trat in sächsische Dienste und schloss im Auftrag des sächsischen Hofes im November 1699 in Preobraschenskoje, einem Vorort von Moskau, einen sächsisch-russländischen Bündnisvertrag.
Im Dezember 1699 wurde auch der dänische König Friedrich IV. für einen Bündnisvertrag gewonnen. Der polnisch-litauische Staat blieb dabei zunächst außen vor, ohne die Zustimmung des Sejm (Ständeversammlung) konnte der König keine Bündnisverträge schließen.
Wie sah die politische Landkarte um 1700 aus? Als mächtigster Staat galt Frankreich, als größter Polen-Litauen mit seinem sächsischen König, die gesamte Ostsee wurde von Schweden umschlossen, Deutschland und Italien waren in machtlose Klein- und Mittelstaaten zersplittert. Der Sultan regierte immer noch ein Respekt erheischendes osmanisches Weltreich, während Russland bislang kaum ins Blickfeld der Europäer getreten war.
Mit den Verhandlungen und Verträgen 1699 waren die Fronten für einen Konflikt abgesteckt, der von Seiten der alliierten Mächte Sachsen-Polen, Russland und Dänemark als kurzer und siegreicher Krieg geplant war. Militärisch begann der Krieg im Februar 1700 durch einen Einmarsch sächsischer Truppen in Livland mit dem Ziel, Riga zu erobern. Wenige Wochen später zogen dänische Truppen gegen den Konkurrenten Holstein-Gottorf ins Feld.
Im August 1700 erklärte schließlich auch Peter I. Schweden den Krieg, wobei in einem Gutachten von Kriegsrat Peter P. Schafirow das angeblich beleidigende Verhalten gegen den Monarchen bei seinem Besuch in Riga als Kriegsgrund angeführt wurde.
Keiner der Akteure hatte eine Vorstellung, dass die Ostseewelt und große Teile Nordosteuropas für 20 Jahre in einen Krieg versinken sollten, der die Landkarte Europas völlig umgestalten würde.
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