Auch wenn einige Menschen die DDR im Nachhinein verklären: Für viele Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR war die Zeit des SED-Regimes alles andere als idyllisch oder leicht – im Gegenteil. Menschen, die dem DDR-System kritisch gegenüberstanden oder aus religiösen Gründen nicht auf der Linie der SED und der Parteiregeln lagen, wurden diskriminiert, ausgegrenzt und stigmatisiert. Im Extremfall brachten unliebsame Aktivität oder direkter Widerstand gegen staatliche Vorschriften und Maßnahmen die Betroffenen ins Gefängnis.
Doch auch in anderen Bereichen haben Menschen in der DDR traumatische Erfahrungen durchlebt. So erhielten 1978/79 tausende schwangere Frauen im Rahmen der staatlichen Gesundheitsvorsorge eine Spritze zur Vermeidung eines Vitamin-D-Mangels. Später stellte sich jedoch heraus, dass diese Spritzen mit dem Hepatitis-C-Virus versucht waren. Als Folge erkrankten viele Frauen an dieser leberschädigen Infektion. Ebenfalls traumatisch waren die Erfahrungen, die viele teils minderjährige Leistungssportlerinnen in der DDR machten. Viele erhielten ohne es zu wissen Dopingpräparate oder wurden von ihren Trainern zum Doping gedrängt.
“Auch heute noch schweres Leid”
Welche Folgen diese und weitere Erfahrungen bis heute bei den Betroffenen haben, hat ein großangelegtes interdisziplinäres Forschungsprogramm in den letzten drei Jahren untersucht. Dabei befragten und untersuchten Wissenschaftler der vier Universitätskliniken Jena, Leipzig, Magdeburg und Rostock in zwölf Teilprojekten verschiedene Betroffenengruppen, darunter Opfer politischer Verfolgung und Ausgrenzung, Frauen, die Hepatitis-C-kontaminierte Spritzen erhalten hatten, und zwangsgedopte Leistungssportlerinnen und Leistungssportler. Erfasst wurden dabei verschiedene psychische und körperliche Folgen.
Das Ergebnis: „Unsere Forschungsergebnisse belegen, dass die gesundheitlichen Langzeitfolgen von SED-Unrecht auch heute schweres Leid verursachen”, berichtet Jörg Frommer von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. “Das betrifft nicht nur ehemals politisch Inhaftierte, die um Wiedergutmachung kämpfen, oft vergeblich und in sich jahrelang hinziehenden Verfahren. Auch Opfer von Schädigungen im Gesundheitswesen, zum Beispiel durch Hepatitisvirus-verseuchte Spritzen, leiden bis heute.”
Spätfolgen bei politischen Opfern der Repression
So weisen viele Betroffene politischer Verfolgung und Stigmatisierung auch knapp 35 Jahre nach der Wende noch eine hohe Rate psychischer Störungen auf und reagieren in Stresssituationen körperlich wie emotional stärker als ihre Zeitgenossen. Dies wiederum macht sie anfälliger für psychische und körperliche Erkrankungen, die durch chronischen Stress begünstigt werden. Viele Opfer solcher Repressionen weisen eine hohe Rate für spezifische psychische Störungen wie Angst, affektive und dissoziative Störungen auf. Hinzu kommt, dass viele Opfer des SED-Regimes bis heute Nachteile erfahren: „Die Geschichten der Opfer von SED-Unrecht sind verstörend. Viele erfahren auch heute noch Ausgrenzung, oft bedingt durch die bürokratischen Strukturen, denen sie ausgesetzt sind“, sagt Georg Schomerus von der Universität Leipzig.





