„Chaos in Disneyland“ – so lautete der Titel des Artikels über die Eröffnung Disneylands in der Augustausgabe des Magazins „Fortnight“. Und darunter war zu lesen: „Als Beamte den Park ,die von Mickey Mouse erbaute 17-Millionen-Dollar-Menschenfalle‘ nannten, wussten sie nicht, wie recht sie damit hatten.“ Berichtet wurde von Abzocke, weinenden Kindern und einem überfüllten Park voller Enttäuschungen. Card Walker, der spätere Präsident von Disney, sagte später, Walt Disney (1901–1966) habe sich erschießen wollen, als er Verrisse dieser Art zu lesen bekam. Es war der Sommer 1955. Seit Jahren hatte sich für den weltberühmten Trickfilmzeichner Walt Disney einfach alles um Disneyland gedreht; endlich hatte der Park nun seine Tore für die amerikanische Öffentlichkeit geöffnet, doch statt eines Triumphs erwartete ihn nun eine krachende Niederlage – so schien es jedenfalls.
Aus heutiger Sicht mag die Vermutung naheliegend erscheinen, dass Disneyland als reine Marketingidee eines Konzerns entstand, der sich anschickte, den Globus zu erobern. Doch so war es nicht. Der Park war vielmehr Walts persönliche Herzensangelegenheit. Ihn zu bauen, bedeutete nicht nur regelmäßige Konflikte mit seinem Bruder Roy (1893–1971), der die Finanzen des Disney-Konzerns verwaltete. Auch mussten Investoren überzeugt werden, ihr Vertrauen in etwas zu setzen, das verdächtig nach einem überteuerten Rummel aussah. Konkurrierende Gewerkschaften mussten miteinander arbeiten, Künstler mit Ingenieuren kooperieren und Manager mit Visionären.
Angefangen hatte alles mit Walts Langeweile. Natürlich war er bekannt als jemand, der starke kreative Kontrolle über seine Filmprojekte ausübte. „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937) hatte einen epochalen Erfolg gefeiert. Es folgten „Pinocchio“ (1940), „Fantasia“ (1940), „Dumbo“ (1941) und „Bambi“ (1942). Getragen wurden diese Filme von Künstlern, die als Folge der Großen Depression keine Arbeit gefunden hatten und in der Not beim Trickfilm gelandet waren. Als die USA in den Zweiten Weltkrieg eintraten, mussten viele von ihnen an die Front – und Walt verlor nach und nach das Interesse an Trickfilmen. Seine durch „Schneewittchen“ eingeleiteten Welterfolge konnte er nur wiederholen, nicht übertreffen. Das raubte ihm die Motivation.
Er verbrachte immer weniger Zeit im Filmstudio und widmete sich wiederentdeckten Hobbys, allen voran dem Modelleisenbahnbau. So sehr wuchs seine Begeisterung für Eisenbahnlandschaften, dass er sich eine solche in Lebensgröße direkt vor seinem Haus anlegen ließ, die bald illustre Gäste samt Hollywoodprominenz anlockte. Die Lok steuerte Walt selbst.
In diesem Eisenbahnfreizeitpark kam Walt irgendwann im Laufe der 1940er Jahre die Idee, etwas Ähnliches auch für den zahlenden US-amerikanischen Mittelstand zu schaffen – allerdings viel größer und mit einer ganzen Reihe von Attraktionen. Das erste Memo, in dem diese Idee in Ansätzen formuliert wurde, stammt aus dem Jahr 1948. Es sollte aber drei Jahre dauern, bis Walt damit an seinen Bruder Roy herantrat. Disneyland – oder „Mickey Mouse Park“, wie Walt es damals noch nannte – sollte anders werden als die heruntergekommenen Rummel, in denen sich eine Touristenfalle an die nächste reihte. Die Besucher sollten in eine andere Welt eintauchen.





