Wer Washingtons Leistung verstehen will, so die überzeugende Pointe von Joseph J. Ellis, darf nicht beim Unabhängigkeitskrieg verweilen. Vielmehr ist die Zeit danach entscheidend. Washington hätte leichtes Spiel gehabt, sich einer siegtrunkenen Öffentlichkeit als amerikanischer Cromwell oder Napoleon anzudienen, der, auf das Militär gestützt, ein zerrissenes Land durch die Wirren der Revolution steuert. Dieser Versuchung widerstanden zu haben ist sein größtes historisches Verdienst. Und deshalb sollte Washingtons Rede vom März 1783 in einem Atemzug mit der Unabhängigkeitserklärung und der Verfassung genannt werden – jene Rede, in der er die zivile Kontrolle über das Militär als republikanisches Muß bezeichnete und seinen eigenen Machtverzicht zu einem Machtgewinn für den demokratischen Souverän erklärte.
Ohne einer personalisierenden Geschichtsschreibung das Wort zu reden, läßt sich mit Ellis feststellen, daß George Washington in der Folge die junge Republik vor dem Auseinanderbrechen bewahrte. Weil er den zurückhaltenden Umgang mit Macht vorgelebt hatte, konnte er im erbitterten Streit über die Auslegung der Verfassung eine Stärkung der Exekutive durchsetzen und zugleich die Ängste vor einer Rückkehr zum Monarchismus europäischer Prägung im Zaum halten. Ein auf die Mehrung der eigenen Autorität und Kompetenzen erpichter Politiker hätte diesen Balanceakt kaum geschafft und nebst seinem eigenen Ruin auch den Untergang des Ganzen heraufbeschworen.
Wer wie Joseph J. Ellis das Verhältnis zur Macht in den Mittelpunkt stellt, wird in George Washington einen großen Aufklärer entdecken, einen Politiker, der sich zu diesem Problem nie schriftlich äußerte, aber durch seine Praxis Maßstäbe setzte, die die Zeit überdauert haben.
Rezension: Greiner, Bernd





