Über 20 Jahre hatten Forscher dies- und jenseits des Atlantiks hier nach einem der europaweit meistgesuchten Nachlässe zur Geschichte der weltweiten Beziehungen des Halleschen Pietismus gefahndet. In Vorbereitung des 300-jährigen Jubiläums Heinrich Melchior Mühlenbergs (1711-1787), der als Patriarch der Lutherischen Kirche in Nordamerika im kommenden Jahr mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm geehrt werden wird, ist jetzt in neun Archivkartons der insgesamt 412 Dokumente umfassende Nachlass des Londoner Hofpredigers Friedrich Michael Ziegenhagen gefunden worden, welcher als Schaltstelle der internationalen Beziehungen Franckes gilt. Friedrich Michael Ziegenhagen war seit seinem Theologiestudium in Halle vom Pietismus August Hermann Franckes (1663-1727) geprägt. Den Franckeschen Stiftungen in Halle blieb er Zeit seines Lebens eng verbunden. Nach dem Tod des Londoner Hofpredigers Anton Wilhelm Böhme (1673-1722) wurde der erst 29-jährige Theologe von seiner Stelle als Hausprediger beim Grafen von Platen in Linden bei Hannover direkt nach London entsandt, um die Hofpredigerstelle bei Georg I. aus dem Haus Hannover anzunehmen.
Seine Position am Londoner Hof nutzte Ziegenhagen, um über 54 Jahre hinweg das weltweite Wirken August Hermann Franckes in Halle zu unterstützen. Tranquebar in Südindien, Philadelphia in Nordamerika, die Betreuung der Salzburger in Georgia – die von Halle entsendeten Missionare und Emissäre nahmen ihren Weg über London, hielten hier ihre Antrittspredigt und wurden begleitet mit Befürwortungschreiben oder förmlichen Berufungen des Hofpredigers an ihren Bestimmungsort ausgeschifft. Ziegenhagen verstand es, die Belange der Pietisten mit der Anglikanischen Kirche, insbesondere der von England aus weltweit agierenden Society for Promoting Christian Knowledge (SPCK), geschickt zu verknüpfen. Unermüdlich hielt der die Fäden in der Hand, stand sowohl mit den hallischen Pietisten als auch den in Konkurrenz zu Halle in Nordamerika wirkenden Herrnhutern in Kontakt.
Die vielen hundert Berichte und Briefe an Francke in Halle liefen über den Schreibtisch des rührigen Londoner Theologen, der sein ganzes Leben seiner Arbeit gewidmet hatte.Trotz des großen Einflusses Ziegenhagens auf die internationalen Wirkungen der europäischen Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts konnte sein Leben und Einsatz für den Halleschen Pietismus auf Grund der mangelnden Quellenlage bisher nur unzulänglich erforscht werden. Der Nachlass in den Franckeschen Stiftungen gibt jetzt erstmals die Möglichkeit, die Bedeutung eines der herausragendsten Befürworter und Unterstützer August Hermann Franckes für die weltweite Verbreitung des Halleschen Pietismus zu würdigen.





