In einem großen Überblick bringt uns nun der Bonner Osteuropa-Historiker Dittmar Dahlmann diese seit der Altsteinzeit besiedelte Region nahe. Die Dichte der Darstellung nimmt zu, je mehr er sich dem 19. und 20. Jahrhundert nähert; diesem Zeitraum widmet der Autor etwa die Hälfte seines Buchs. Die mongolische Eroberung, die ersten Handelskontakte von Europäern (auf der Jagd nach Fellen, insbe-sondere dem begehrten und entsprechend lukrativen Zobel) und das Vordringen in den sibirischen Raum in der Zeit Iwans IV. am Ende des 16. Jahrhunderts werden im Vergleich dazu eher kursorisch behandelt.
Dahlmann betont den Verdrängungsprozess, der durch die russische Eroberung an‧gestoßen wurde und den er zu Recht mit dem kolonialen Vordringen der Europäer in Süd- und Nordamerika vergleicht. Und für jede Zeit geht der Autor der Frage nach, was man in Russland und im übrigen Europa über die Verhältnisse in Sibirien wusste.
Zuverlässig schildert Dahlmann die Schaffung von – allzu oft mangelhaften – organisatorischen Strukturen in den eroberten Gebieten und die Ansätze zu einer geistig-religiösen Durchdringung. Die Frage nach den Völkern, auf die die Eroberer trafen, schließt daran logisch an. Für den Weg Sibiriens in die Moderne spielten die Ausbeutung der enormen Rohstoffvorkommen, die landwirtschaftliche Erschließung durch die Ansiedlung russischer Bauern sowie gigantische Infrastrukturprojekte – vom Bau der Transsibirischen Eisenbahn bis zu den Wasserprojekten der Sowjetzeit – eine große Rolle.
Mit informativen Exkursen führt Dahlmann immer wieder vor Augen, wie eng die Situation in Sibirien an Entwick‧lungen im russischen „Mutterland“ gekoppelt war. Diese Beobachtung gilt auch für die Zeit der Revolutionen (1905 sowie 1917/1919) und der Weltkriege. Überraschungen dürfte für viele Leser die Zeit des Bürgerkriegs bieten; es ist nur wenig bekannt, wie lange und brutal dieser in Sibirien tobte, wer alles darin verwickelt war und dass sich man‧‧che Region bis in die 1930er Jahre der Sowjetherrschaft widersetzte. Die enge Kopplung an Russland trifft auch auf die bedrückende Welt der GULags zu, in denen Zwangsarbeiter für den Aufbau des Sozialismus schufteten und zu Hunderttausenden starben.
Es gelingt Dahlmann auch hier gut, komplexe Entwicklungen auf ihre Grundstruktur zu reduzieren und so einsichtig zu machen. Auch wenn man gern noch die eine oder andere Frage beantwortet hätte, liest man das Buch daher mit großem Gewinn.
Rezension: Dr. Marlene P. Hiller





