In einer Ausgabe der Illustrierten „Die junge Dame“ vom 11. August 1942 ist beispielsweise eine Schwarz-Weiß-Fotografie des Fotografen Reinhold Leßmann abgedruckt. Sie zeigt ein weibliches und ein männliches Beinpaar in großer Nähe. Doch worauf macht das Foto aufmerksam?
Erst eine genaue Betrachtung lässt den Kontext erahnen
Wird der flüchtige Blick in eine genaue Bildbetrachtung verwandelt, werden fünf Ebenen der fotografischen Geste bedeutsam. In der Fotografie von Leßmann betonen drei dieser Ebenen das Frauenbein: (1) Wie eine Zeigegeste verleiht das Foto dem Fotografierten eine besondere Bedeutung. Die Wahl des Ausschnitts und das Arrangement des Fotografierten lenken die Blicke: Im vorliegenden Beispiel füllt das Beinpaar einer Frau die obersten beiden Drittel des Bildausschnittes aus und steht im Zentrum der Fotografie. (2) Die fotografierte Bewegung drückt ihrerseits Bedeutung aus. Das im Gras liegende Männerbein in langer Hose wirkt wie ein Passepartout, das seinerseits das Bein der Frau betont. Das nackte, in die Luft gestreckte Frauenbein präsentiert sich ebenfalls als Blickfang.
(3) Auch die Perspektive des Fotografen ist eine Geste, auf bestimmte Art auf das Fotografierte aufmerksam zu machen. Und auch Leßmann, wie die Abgebildeten im Gras liegend, betonte durch die Untersicht, also durch eine Kameraperspektive aus einer niedrigen vertikalen Position, das nackte Frauenbein.
(4) Alltäglich sichtbare Bildwelten bestimmen, was als vertraut, was als unbekannt wahrgenommen wird. Im Nationalsozialismus wurde der Blick auf Fotografien durch die alltäglich sichtbare Kriegsfotografie beeinflusst. Im Beinfoto von Leßmann machten das Hosenbein und die Schuhe deutlich, dass der Mann Zivilist war. Das war ungewöhnlich, denn in der „Jungen Dame“, die das Foto publizierte, wurden üblicherweise Soldaten, nicht Zivilisten als Traummänner aller Frauen präsentiert.
Auch Fotos in Untersicht waren in Kriegszeiten in auflagenstarken Illustrierten wie „Berliner Illustrirte Zeitung“ oder „Die Wehrmacht“ eher ungewöhnlich: Die massenhaft publizierten Kriegsfotos stammten von Angehörigen der Propagandakompanien (PK), die als Kriegsberichterstatter dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda sowie dem Oberkommando der Wehrmacht unterstanden. Entgegen den ikonisch gewordenen Aufnahmen Leni Riefenstahls, die als Frau und Zivilistin die unterlegene Untersicht einnahm, um die Größe der Abgebildeten zu betonen, dominierte in der PK-Fotografie meist die Augenhöhe, die den Fotografen als ebenbürtigen Soldaten auswies.
Die Perspektive der Fotografen traf zeitgenössisch also Aussagen über das Verhältnis von Zivilisten und Soldaten und trug dazu bei, die Wehrmachtssoldaten (darunter die PK) als Helden zu inszenieren: Der Fotograf sei dem Kriegsgeschehen ebenso nahe wie der fotografierte Soldat, und beide seien durch ihren Einsatz für das Vaterland heroisch. Die Untersicht, die der Zivilfotograf Leßmann für seine Aufnahme wählte, war im Vergleich mit den gängigen Kriegsfotos also einerseits eine Geste der Bewunderung für das Frauenbein, andererseits als zivile, nicht militärische Perspektive markiert.





