Wer den steilen Aufstieg zum Freisinger Domberg bewältigt hat und im lichtdurchfluteten Foyer des Diözesanmuseums den Kopf in den Nacken legt, den empfängt dort ein donnernder Spruch: „Timor Domini principium sapientiae“, zu Deutsch: „Die Furcht des Herrn ist der Beginn der Erkenntnis.“ Den Gottesfürchtigen winkt die Weisheit, den Ungläubigen droht ewige Torheit? Darüber kann Kurator und Sammlungsleiter Steffen Mensch nur schmunzeln: „Der Satz ist nicht programmatisch, wir stehen heute für Offenheit gegenüber allen Weltanschauungen.“
Tatsächlich kann man aus den Museumsfenstern weit blicken. Auf einem Hügel über Freising thront das Gebäude unweit des Doms, bodentiefe Fenster und lange Sichtachsen laden zum Blick in die Umgebung ein. Ursprünglich beherbergte der neoklassizistische Bau aber junge Priesteramtsanwärter – aus dieser Zeit stammt noch das besagte Bibelzitat. Erst 1974 wurde daraus ein Präsentationsraum für die Schätze der Erzdiözese München-Freising.
Dazu trug auch die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) bei: Weil die Eucharistie nur noch am Volksaltar zelebriert wurde, räumte man die Seitenaltäre leer, viele Objekte wanderten in die Depots. Da war eine Museumsgründung für viele Diözesen eine willkommene Idee, um zumindest einen Teil davon zu zeigen.
Die Ursprungssammlung bildeten Heinrich Gotthard (1810–1893) und Joachim Sighart (1824–1867), beide Lehrer am Priesterseminar, die allerlei Tafelgemälde und liturgische Gegenstände zu Lehrzwecken horteten. Während einer Renovierungsphase zwischen 2013 und 2022 haben die Mitarbeiter die Lust am Sammeln neu entdeckt. Zahlreiche Neuzugänge wurden erworben, darunter auch moderne und zeitgenössische Werke. Heute besitzt das Diözesanmuseum rund 40 000 Objekte aus 2000 Jahren christlicher Glaubenspraxis – von byzantinischen Ikonen über Rokoko-skulpturen, Votivtafeln und Murnauer Hinterglasbilder bis hin zu einer prächtigen neapolitanischen Krippe.
Eines haben alle Objekte gemeinsam: Sie zeigen, wie Menschen ihren Glauben auslebten und welche existentiellen Fragen sie sich stellten: Warum werden wir geboren? Warum muss ein Mensch sterben? Was kommt nach dem Tod? Wie vielfältig die Antworten des Christentums darauf sind, zeigt die neue Dauerausstellung, welche die Besucher durch die Stationen der menschlichen Sinnsuche leitet. Das Leben und Sterben Christi sowie sein Nachleben in der Verehrung dienen dabei als Schablone.
Zu Beginn empfängt die Besucher eine Marienfigur mit Jesus auf dem Arm. „Eine Mutter mit Kind – das ist ein Bild, das jeder versteht“, erläutert Steffen Mensch. Schließlich kommen auch Schulklassen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen ins Museum. Im selben Raum sind alte Glücksbringer für ein Neugeborenes neben zeitgenössischen Gemälden zu sehen. Das zeigt: Die Beschäftigung mit den Grundfragen der menschlichen Existenz hört nie auf, nur die Form ändert sich. Dieses Konzept verbindet alle Ausstellungsräume und ersetzt die vorherige Epochengliederung.





