Bei populären Darstellungen der Wikinger, etwa in Filmen und TV-Serien, wird der Eindruck vermittelt, dass bei den Skandinaviern regelmäßig ordentlich gebechert wurde. Doch stimmen solche Klischees mit den historischen Fakten überein?
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Denn sie trinken zügellos Alkohol, Tag und Nacht, sodass manchmal einer von ihnen mit dem Weinbecher in der Hand stirbt“, schrieb der arabische Diplomat Ahmad Ibn Fadlan im Jahr 922 über die oftmals verallgemeinernd als „Wikinger“ bezeichneten Rus, denen er auf seiner Reise in das Reich der Wolgabulgaren im heutigen Russland begegnete.
In der populären Vorstellung, wie sie uns in den Medien, teilweise aber auch noch in älteren Sachbüchern begegnet, sind die Nächte in der skandinavischen Wikingerzeit geprägt durch ausufernde Gelage. Während sich das Bild der Menschen, die meist kollektiv als „Wikinger“ bezeichnet werden – obwohl zeitgenössisch streng genommen nur derjenige
víkingr genannt wurde, der per Schiff zu einem der gefürchteten Raubzüge aufbrach –, in den letzten Jahrhunderten in vielen Aspekten mehrfach geändert hat, bleibt das Vorurteil des übermäßigen Alkoholkonsums interessanterweise meistens bestehen.
Die Quellen geben durchaus Hinweise auf häufige Feste und Gelage
Trinkfestigkeit scheint für uns ein Charakterzug zu sein, der perfekt zu dem Bild der Wikinger als unzivilisierte, hyper-maskuline und lebenslustige Barbaren zu passen scheint, ja vielleicht sogar notwendig dafür ist. Zum einen sind es sicherlich unsere eigenen Wunschvorstellungen eines ungezügelten, wilden und auch mal eskapistischen Lebens, die wir auf die Wikingerzeit projizieren.
Zum anderen zeigen aber auch alle Quellen, die wir für die skandinavische Wikingerzeit zur Verfügung haben, dass ausschweifende Feste und Trinkgelage in vielerlei Hinsicht von großer Bedeutung für die Menschen der damaligen Zeit waren. Denn das frühmittelalterliche Leben war für die meisten Menschen hart, und es gab wenig Abwechslung von der Arbeit als Bauer, Fischer, Handwerker oder Händler. Regelmäßig im Jahresverlauf wiederkehrende Feste oder anlassbezogene Feiern wie Hochzeiten, Bestattungen oder aus politischen Gründen veranstaltete Gastmähler unterbrachen den harten Alltag, boten die Möglichkeit zu sozialer Interaktion über Familie, Hof oder Siedlung hinaus und erlaubten auch, den Sorgen und Nöten zumindest für einige Stunden oder Tage durch übermäßigen Alkoholkonsum zu entfliehen.
Über die Feste der Wikingerzeit wissen wir – anders, als es oftmals in den Medien dargestellt wird – hingegen kaum etwas Konkretes. Dies liegt vor allem daran, dass vor dem späten 12. bzw. frühen 13. Jahrhundert in Skandinavien mit Ausnahme der sehr formelhaften und lakonischen Runeninschriften keine schriftliche Überlieferung existiert. Die zeitgenössischen Schriftquellen, verfasst von fränkischen, angelsächsischen und vereinzelt auch arabischen Gelehrten, berichten hingegen selten etwas über diesen Aspekt des Alltagslebens.
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Wir sind daher zum einen nahezu ausschließlich auf die, seit dem 12./13. Jahrhundert verfassten altnordischen Sagas, Geschichtswerke und Gesetzestexte angewiesen, deren Aussagekraft für die Wikingerzeit teilweise unklar ist, die aber vermutlich zumindest ein realistisches Bild des Lebensalltages der Menschen in der Wikingerzeit liefern. Zum anderen kann die Archäologie dazu beitragen, das in den Sagas dargestellte Bild zu verifizieren (oder zu korrigieren) und um konkrete Details zum Alltagsleben zu erweitern.
Das Jahr in der Wikingerzeit war mit großer Wahrscheinlichkeit strukturiert durch eine Reihe von wiederkehrenden Festen, die bestimmte, für eine großteilig agrarische Lebensweise wichtige Phasen wie Aussaat- und Erntezeit, Winteranfang und -ende oder Mittsommer und Mittwinter definierten.
Ein Datum im Jahresverlauf, das sich mit einiger Sicherheit rekonstruieren lässt, ist der in den Quellen als gormánuðr bezeichnete Schlachtmonat, mit dem Mitte Oktober das bis Mitte März reichende Winterhalbjahr begann. Vermutlich wurden der Winteranfang und der Beginn des Schlachtens mit einem großen Fest begangen, ähnlich dem heute noch üblichen Erntedankfest. Man feierte den Sommer, dankte den Göttern für Ernte und Vieh und bereitete sich auf die harte und entbehrungsreiche Zeit der dunklen Wintermonate vor.
Ein weiteres, mindestens bis in das 9. Jahrhundert nachweisbar wiederkehrendes Fest, dessen genaue Funktion und Ausprägung allerdings weitestgehend unklar bleibt, ist das oft als heidnischer Vorläufer des christlichen Weihnachtsfestes gedeutete Júl-Fest zur Mittwinterzeit.
Júl-Feiern bereits vor der Christianisierung
Während in der bereits in einer christlichen Gesellschaft verfassten altnordischen Sagaliteratur mit Júl zweifelsfrei das christliche Weihnachten gemeint ist, weist ein Skaldengedicht aus der frühen Wikingerzeit auf einen älteren, heidnischen Ursprung von Júl hin.
In dem vermutlich Ende des 9. Jahrhunderts verfassten Preislied „Haraldskvæði“ („Gedicht auf Harald“), das der Skalde Thorbjörn Hornklofi auf den norwegischen König Harald Schönhaar und dessen Taten in der Schlacht am Hrafsfjord im Jahr 872 dichtete, heißt es in der sechsten Strophe (Übersetzung nach Hans-Jürgen Hube): „Der König beschloss, auswärts Jul zu trinken, Harald, der Kühne, hastete herbei zu Freys Spiel. Stets wurden ihm leid, das Hocken am Herd, die warme Stube der Frauen, und Daunenhandschuhe.“
Aus der Strophe lässt sich entnehmen, dass es üblich gewesen zu sein scheint, in der Halle des Herrschers ein Júl-Trinken zu veranstalten, und dass König Harald dieser Tradition überdrüssig war. Wie dieses Júl-Trinken jedoch konkret aussah, bleibt ebenso unklar wie die Formulierung von „Freys Spiel“, das von manchen Forschern als Umschreibung für einen (Wett-)Kampf und von anderen als Ritual oder Opfer gedeutet wird.
Ausgehend von den spärlichen Quellen lässt sich nur sicher sagen, dass Júl in der Wikingerzeit ein großes Fest war, bei dem man in den dunkelsten Wochen des Jahres
zusammenkam, gemeinsam speiste und vermutlich auch auf die Götter und ein gutes neues Jahr anstieß.
Ob dieses Júl-Fest tatsächlich zum festen Jahreskreis des gesamten altnordischen Kulturraumes gehörte, ob es zur astronomischen Mittwinternacht – also rund um den 22. Dezember – oder in der Mitte des Winters – also Mitte Januar – stattfand und ob es auf einem Bauernhof in Dänemark oder Schweden ebenso gefeiert wurde wie am norwegischen Königshof, bleibt jedoch ungewiss.
Häufiger werden Feste gewesen sein, die man aus konkreten Anlässen feierte, allen voran Hochzeiten, die vor allem in den altnordischen Sagas oft beschrieben werden. Sie waren soziale und mitunter auch politische Zusammenkünfte, bei denen nicht nur ausgelassen gefeiert wurde, sondern auch soziale und politische Bindungen geknüpft und bestärkt – bzw. im Konfliktfall auch aufgelöst – wurden.
Eine ebenso kurze wie informative Beschreibung gibt eine Textstelle aus der „Sturlunga saga“ über eine Hochzeit, die im Jahr 1119 auf dem Hof in Reykjahólar im Nordwesten Islands stattfand. Die Hochzeitsfeier soll sieben Tage gedauert haben, und die Gäste unterhielten sich mit vielen Arten von Spielen, Tänzen, Ringkämpfen und dem Erzählen von Sagas.
Rein gesellschaftliche Gastmähler, zu denen wichtige Männer ihre Verbündeten, Freunde und Gefolgsleute einluden, oder auch Feiern im Anschluss an Bestattungen werden nicht anders abgelaufen sein. Man kam in der großen Halle des Gastgebers zusammen, wurde vom Gastgeber, seiner Frau und unter Umständen deren Kindern oder wichtigen Gefolgsleuten begrüßt.
Die Frau des Hauses reichte jedem Gast einen Becher oder – den Abbildungen auf einigen gotländischen Bildsteinen nach – ein Trinkhorn mit Met oder einem extra gebrauten Bier, und man trank auf ein friedliches Fest.
Den Gästen wurden je nach ihrem sozialen Stand und ihrer politischen Bedeutung die Sitzplätze in der Halle zugewiesen, was ein enormes Konfliktpotential bot, wenn sich etwa ein Gast durch einen zu weit vom Hochsitz des Gastgebers entfernten Sitzplatz nicht ausreichend gewürdigt fühlte.
Gemeinsames Feiern in großen Hallen
Vermutlich begannen die meisten Feste mit Reden des Gastgebers und der wichtigsten Gäste, und man leistete gemeinsam einen Friedensschwur, der das Entstehen von nachhaltigen Konflikten zwischen den Gästen unterbinden sollte. Möglicherweise wurde auch den altnordischen Göttern geopfert oder in christlicher Zeit gemeinsam gebetet. Danach wurde das Essen aufgetragen, das über den großen Herdfeuern in der Mitte der Halle zubereitet wurde.
Einen Hinweis auf die enorme kulturelle Bedeutung des Festmahles in der skandinavischen Wikingerzeit geben die häufigen Funde von Kochgeschirr in Männer- und Frauengräbern. Möglicherweise sollten Kessel, Pfannen, Bratspieße und andere Kochutensilien es den Verstorbenen ermöglichen, auch im Jenseits Gastmähler
abzuhalten. Vielleicht handelte es sich dabei aber auch um das Kochgeschirr, das für die Bestattungsfeierlichkeiten verwendet wurde und danach aus rituellen Gründen mit ins Grab gegeben werden musste.
Im Anschluss an das Essen wurden Spiele und Wettkämpfe abgehalten. Die „Sturlunga saga“ erwähnt Ringkämpfe, und auch die berühmte Episode von Thors Prüfungen in der Halle des Riesen Utgardloki in der „Gylfaginning“ der „Edda“ des Snorri Sturluson schildert vor allem das Kräftemessen zwischen zwei Teilnehmern.
Dieser „Männervergleich“ (altnordisch: mannajafnaðr) beschränkte sich nicht nur auf körperliche Wettbewerbe, sondern war – wie viele Beispiele aus den altnordischen Sagas eindrücklich aufzeigen – auch in der Skaldik, der Dichtkunst, üblich. Zwei Männer dichteten nacheinander aus dem Stehgreif eine lose Strophe (lausavísa) oder ein ganzes Gedicht, und der Gastgeber – in den Sagas zumeist der König – entschied, wer die bessere Strophe gedichtet hatte, und belohnte diesen mit einem Zeichen seiner Gunst, wie einem Armring oder einem Schwert.
Nicht selten waren diese Männervergleiche den Sagas zufolge offenbar entweder Folge oder Ausgangspunkt lang anhaltender Rivalitäten, die in blutige Familienfehden ausarten konnten. Das Vortragen von Skaldenstrophen oder Sagas scheint jedenfalls ebenfalls ein wichtiger Aspekt der Unterhaltung bei Festmählern gewesen zu sein. Wenn es später am Abend ruhiger wurde, spielte man vielleicht auch Würfel- und Brettspiele, wie das berühmte Hnefatafl.
Noch wichtiger war bei Festen und Gastmählern den Textquellen nach jedoch der exzessive Alkoholkonsum. Der über Dänemark (1035–1042) und für einige Zeit auch über das angelsächsische England (1035–1037 und 1040–1042) herrschende König Hardiknut soll bei einer Hochzeitsfeier an einem Herzinfarkt gestorben sein, ausgelöst durch übermäßigen Alkoholkonsum, als er „mit seinem Becher in der Hand plötzlich mit schrecklichen Zuckungen zu Boden fiel und kein Wort mehr sprach“, wie es in der „Angelsächsischen Chronik“ heißt.
Und die „Egils saga Skallagrímssonar“, die Saga des berühmten Dichters und Kriegers Egill, schildert eindrücklich und sehr detailliert, welche Bedeutung eine freigiebige Bewirtung von Gästen mit Bier hatte und mit welcher Ernsthaftigkeit das Trinken – erneut als Wettbewerb – zelebriert wurde. Laut der Saga kommt Egill mit seinen Gefährten bei einem geizigen Bauern unter, der ihnen zuerst nur skýr (ein Milchprodukt) vorsetzt und behauptet, kein Bier zu haben.
Als die Tochter des Bauern aber verrät, dass doch Bier da sei, beschließt dieser aus Rache, Egill und seinen Gefährten mehr Bier zu geben, als sie vertragen können. Es kommt zu einem Trinkwettbewerb, an dessen Ende Egill dem geizigen Bauern ins Gesicht erbricht.
Diese Szene kann sicherlich auf der einen Seite als ein gesellschaftliches Lehrstück gelesen werden, das die Pflichten eines guten Gastgebers hervorhebt und gleichzeitig Egill als trinkfesten Heroen in Szene setzt. Auf der anderen Seite ist anzunehmen, dass das geschilderte Wetttrinken durchaus der historischen Realität entsprach und Gastmähler zu derartigen Trinkgelagen ausarten konnten.
Alkoholexzesse sind nicht an der Tagesordnung
Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass exzessiver Alkoholkonsum nicht alltäglich war und sich auf besondere Gelegenheiten wie Feste oder Gastmähler beschränkte. Bier hatte keine lange Haltbarkeit, sondern musste immer frisch aus Getreide und Hopfen (wie in Haithabu) oder aus Getreide und Gagel (wie im übrigen Skandinavien) gebraut werden und wurde in den schriftlichen Überlieferungen oft auch dem Anlass entsprechend bezeichnet, etwa als erfi-˛ol („Erbbier“) für Bestattungsfeiern oder als júl-˛ol, das man zur Mittwinterzeit für die Júl-Feiern braute.
Der aus Honig gewonnene Met, der in der altnordischen Literatur und Mythologie eine große Rolle spielt, lässt sich mitunter indirekt auch archäologisch nachweisen, so etwa im Siedlungsbereich von Haithabu. Dort wurden die Überreste von Bienen – teils in größeren Konzentrationen – gefunden. Auch der archäobotanische Nachweis von Linde und Klee, zwei Pflanzen, die von Bienen besonders gesucht werden, lässt darauf schließen, dass hier Honig gesammelt oder sogar kultiviert wurde. Das ebenfalls gefundene Mädesüß ist eine Pflanze, die wir als klassisches Würzmittel für Met kennen. Es wurde wohl speziell für die Metherstellung gesammelt.
Generell ist aber davon auszugehen, dass Met aufgrund der dafür benötigten großen Mengen an Honig ein sehr exklusives Getränk war, das üblicherweise nicht im Alltag, sondern nur bei zeremoniellen Anlässen getrunken wurde.
Als prestigeträchtiges alkoholisches Getränk besonders begehrt war Wein, der aus dem fränkischen Reich importiert wurde. Anschaulich beleuchtet dies eine kurze Anekdote, die durch den fränkischen Chronisten Regino von Prüm überliefert wurde. Er berichtet für das Jahr 885 von einer bemerkenswerten Bitte des dänischen Kleinkönigs Godefrid. Dieser war kurz zuvor mit Friesland als Lehen bedacht worden, bat nun jedoch bei Kaiser Karl III. darum, stattdessen ein Lehen am Mittelrhein zu erhalten, da in Friesland kein Weinanbau möglich sei.
Sollte diese Geschichte sich tatsächlich so zugetragen haben, spiegelt sie sicherlich weniger eine individuelle Vorliebe für Wein wider als vielmehr die gesellschaftspolitische Bedeutung, die die Ausrichtung von freigiebigen Gastmählern und die aufwendige Bewirtung der Gäste für die Machterhaltung der Anführer und Herrscher hatten. Während das Gesinde und die einfachen Gäste mit bitterem Bier aus Holz- oder Tonbechern vorliebnehmen mussten, wurde den bedeutenden Gästen als Zeichen von Wohlstand und Einfluss importierter Wein in feinen Glasgefäßen offeriert.
Denn neben der Funktion von Alkohol als Genuss- und Rauschmittel war das gemeinsame Trinken in der Wikingerzeit nicht bloß ein rein geselliges Zusammenkommen, sondern hatte auch immer wichtige gesellschaftspolitische Funktionen. Das gemeinsame rituelle Trinken von Bier oder Met verstärkte die sozialen
Bindungen der Menschen untereinander. Man trank Freundschaft miteinander, aber auch Abmachungen und Schwüre zu Allianzen und Gefolgschaften sowie Eheschließungen wurden durch das gemeinsame Trinken besiegelt. Zudem spielten Trankopfer vermutlich eine große Rolle bei religiösen Zeremonien.
Archäologisch zeigt sich diese politische und religiöse Funktion von Alkohol in der Beigabe von wertvollen Trinkgefäßen wie etwa silberbeschlagenen Trinkhörnern, die vor allem in Frauengräbern zu finden sind und möglicherweise die Rolle der Frau als Gastgeberin aufzeigen sollten.
Teures Glas zeugt von der Bedeutung rituellen Trinkens
Zu Füßen des in dem berühmten Bootkammergrab von Haithabu-Busdorf bestatteten Herrschers waren ein großes Bronzebecken und ein gläsernes Trinkgefäß, ein sogenannter Trichterbecher, deponiert worden, die möglicherweise bei der Bestattungszeremonie verwendet wurden und/oder dem Verstorbenen im Jenseits die Teilnahme an Trinkgelagen ermöglichen sollten.
Einer der beiden neben dem Herrscher bestatteten Männer war mit einem großen eisenbeschlagenen Holzeimer ausgestattet worden, weshalb der Tote in der Forschung oftmals als Mundschenk interpretiert wird, dem auch im Jenseits die Aufgabe oblag, seinen Fürsten mit alkoholischen Getränken zu versorgen. Das exklusive Trinkgeschirr sollte so den Lebenden während der feierlichen Grablege und möglicherweise auch den Vorfahren im Jenseits die hohe gesellschaftliche und politische Stellung des Verstorbenen verdeutlichen.
Feiern und Gastmähler – zu konkreten Anlässen wie Hochzeiten oder Bestattungen, zu bestimmten Festtagen oder als rein gesellschaftliche Veranstaltung – waren daher nicht nur willkommene Unterbrechungen des harten Arbeitsalltages, sondern hatten auch bedeutende soziale und politische Funktionen. Sie dienten dem Austausch von Neuigkeiten und Tratsch, dem Arrangieren von Ehen, geschäftlichen Partnerschaften oder politischen Bündnissen, also der sozialen Vernetzung und Bindung der Menschen untereinander, und waren so gemeinschaftsbildend.
Die Anführer hingegen konnten durch die Ausrichtung besonders aufwendiger Feste und das großzügige Verteilen von Geschenken ihre Macht und ihren Reichtum demonstrieren oder konsolidieren und Gefolge an sich binden.
So schildert die Mitte des 13. Jahrhunderts verfasste „Laxdæla saga“ recht wohlwollend das freigiebige Verhalten des reichen Großbauern Thorkell, der 1021 zu Júl ein großes Fest auf seinem Hof Helgafell veranstaltet: „und in jeder Hinsicht entfaltete er in diesem Winter eine große Pracht; Gudrun [seine Frau] aber widersprach dem nicht und sagte, Geld sei dazu da, das Ansehen zu mehren“.
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