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Skandal in Nürnberg
Am 28. Februar 1469 wurde Niklas Muffel, einer der mächtigsten Männer der Reichsstadt Nürnberg, wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder und Geheimnisverrats angeklagt, verurteilt und hingerichtet. Der Fall sorgte weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen – zumal bald Gerüchte kursierten, dass Muffel einem…
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Schon kurz nach der „Affäre Muffel“ fasste der fahrende Sänger und Spruchdichter Heinz Uebertwerch das dramatische Ende des einst renommierten Ratsherrn in Versen zusammen – und fällte aus seiner Sicht ein eindeutiges Urteil. „Nu hort ein sach die ist noch neu und gar in kurz geschehen, dabei man kennet falsche treu … ein teil des rats im warn ie gehaß, bei den er in der losung [oberstes Gremium der Ratsherren] saß, das wurd im ungluck machen.“
Uebertwerch wusste auch zu berichten, wer diejenigen gewesen seien, die ein falsches Spiel gespielt hätten: „Der Tucher was sein gut gesell … er ist doch falsch biß in sein haut … Jost Tetzel ist ein biderman, sein tat die tut in rewen … Er hot die schulde ans Muffels tod.“ Seine Ratskollegen Anton Tucher und Jobst Tetzel hätten die Intrige gegen Muffel gesponnen!
Uebertwerch stand mit seinem Urteil nicht allein da. Auch der Ratsschreiber Johannes Müllner, der Zugang zum Archiv der Reichsstadt besaß, kam in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nach dem Studium der Akten zum Schluss, dass „ein unerhört und fast unglaublich Handel“ geschehen sei.
Der Spross eines alten Patriziergeschlechts macht die erwartbare steile Karriere
Der verurteilte Niklas III. Muffel entstammte einem alteingesessenen Nürnberger Patriziergeschlecht. Schon in der ältesten überlieferten Ratsliste aus dem Jahr 1318 wird ein Friedrich Muffel aufgeführt, und bereits um diese Zeit zählte die Familie zu den reichsten und einflussreichsten Geschlechtern der Reichsstadt. Belegt sind ein großer Grundbesitz im Umland der Stadt und bedeutende Lehen vom König, von den Bischöfen von Eichstätt und Würzburg sowie vom Kloster Ebrach. Der Reichtum stützte sich jedoch nicht nur auf Grund und Boden: Mitglieder der Familie waren auch in Finanzgeschäften und im Fernhandel tätig. Nachweisen lässt sich zudem eine ununterbrochene Präsenz im Rat der Stadt.
So diente Niklas I. Muffel der Stadt in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in verschiedenen Ämtern und als Gesandter. Dabei knüpfte er Kontakte in höchste Kreise: König Wenzel (1376–1400) höchstselbst wohnte bei einem Besuch in der Reichsstadt in seinem Haus am Egidienplatz. Der Kontakt war jedoch in erster Linie geschäftlicher Natur: Der reiche Kaufmann Muffel war ein wichtiger Kreditgeber des Königs.
Nachdem seine eigenen Eltern jung verstorben waren, wuchs der um 1410 geborene Niklas III. Muffel bei seiner Großmutter Barbara auf, der Witwe Niklas’ I. Muffel. Die überlebte ihren Mann um rund 50 Jahre und verwaltete den Familienbesitz, bis ihr Enkel volljährig war. Einmal herangewachsen, heiratete Niklas 1431 die niederadlige Margarete von Laufenholz. Bald darauf startete er seine Laufbahn im komplizierten System öffentlicher Ämter in Nürnberg: 1433 wurde er Mitglied des „Kleinen Rates“, zwölf Jahre später einer der 13 älteren Bürgermeister, 1437 dann einer der sieben „älteren Herren“.
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Seit 1447 war Niklas Muffel fast pausenlos als Gesandter für den Rat auf Reisen. Besonders häufig hielt er sich am Hof König Friedrichs III. (1440/1452–1493) in Wiener Neustadt auf. Intensiv beteiligt war er dort an den Verhandlungen zur Beilegung des Konfliktes zwischen Nürnberg und Markgraf Albrecht Achilles (1440–1486).
Auch am Romzug Friedrichs III. und seiner Kaiserkrönung im Jahr 1452 nahm Muffel teil. Dabei kam ihm eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zu – er musste die in Nürnberg verwahrten Reichskleinodien sicher an den Krönungsort transportieren. Nach Erledigung dieser wichtigen Mission wurde dem Nürnberger Gesandten eine besondere Ehre zuteil, von der er später selbst berichtete: „Item ich must den himel tragen helfen ob dem babst am palmtag, der hieß Nicolaus, und im das wasser zu dem ambt der messen reichen und sein heiligkeit berichtet mich selber mit dem heiligen wirdigen sacrament zu zweyen gestalten.“ Nicht nur durfte er am Palmsonntag den Baldachin für den Papst tragen und ihm das Wasser reichen, er empfing auch die Kommunion aus der Hand des Heiligen Vaters.
Im April 1455 wurde Muffel vom Kaiserhof zurück in seine Heimatstadt gerufen. Zwei Jahre später wurde er zu einem der beiden „Vorderen Losunger“ gewählt. In der Ratsverfassung Nürnbergs nahmen diese Losunger den obersten Rang ein. Sie kontrollierten die „Losung“, jene Vermögenssteuer, die den wichtigsten Teil der Steuereinnahmen ausmachte, verwahrten zudem die Stadtsiegel und die Schlüssel zu den Reichskleinodien und den Stadttoren, waren für die Finanzverwaltung und Rechnungslegung zuständig und vertraten die Stadt bei besonderen Anlässen. So besuchte Muffel im November 1457 die Beerdigung Margaretes von Baden, der ersten Frau Albrecht Achilles’, ebenso wie die baldige Hochzeit desselben mit seiner zweiten Frau Anna von Sachsen.
Mit der Wahl zum Losunger war Nikolaus Muffel auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen. Längst nicht jedes Ratsmitglied war qualifiziert, diesen Posten zu übernehmen: In die höchsten Ämter gelangten nur Mitglieder der bedeutendsten Familien, die neben Ehre und Ansehen auch die nötige Wirtschaftskraft und die richtigen Beziehungen inner- und außerhalb Nürnbergs mitbrachten. Das bedeutete jedoch nicht, dass die Hierarchien innerhalb des Rats in Stein gemeißelt waren. Wurde eine Familie vom geschäftlichen Glück verlassen, sank ihr Einfluss im Rat, was auch Muffel bald zu spüren bekommen sollte.
Seit 1460 häufen sich Hinweise, dass Muffels Stern langsam sinkt
Er selbst war, wie viele seiner Ratskollegen, selten unternehmerisch tätig. Im Dienst der Stadt zu stehen war ein Vollzeitjob, der wenig Zeit für andere Tätigkeiten ließ. Daher waren die Familienmitglieder, die der Stadt dienten, selten diejenigen, die auch die Handelsgeschäfte der Familie führten. Dass die Familie Muffel aber schon seit längerem im Geschäftsleben der Stadt beinahe unsichtbar geworden war und sich nur hier und da mit stillen Beteiligungen engagierte, erregte mit der Zeit das Misstrauen seiner Kollegen. Gleich für mehrere Ratsmitglieder kritisch wurde die Lage dann nach dem Konkurs des Handelshauses Paumgartner im Jahr 1465. Mehrere am Unternehmen beteiligte Ratsherren mussten in der Folge ihre Ämter ruhen lassen, da Zweifel an ihrer persönlichen Finanzkraft aufkamen: Neben Niklas Muffel waren auch Anton Tucher, Anton Tallner und Linhart Groland davon betroffen.
Doch nicht nur die mutmaßliche wirtschaftliche Krise Muffels sorgte für Unruhe im Rat. Mehrfach war er
in Streitereien verwickelt. Im März 1460 wurde er im „Kleinen Rat“ zur Ordnung gerufen, weil in einem hitzigen Wortgefecht mit Linhart Groland Worte gefallen waren, die „besser gelassen“ worden wären. Kurz darauf wurde er wegen „grober Rede“ gerügt. Dann sollte Muffel eine Gesandtschaft übernehmen, um im Krieg zwischen Ludwig dem Reichen und Albrecht Achilles zu vermitteln. Der Losunger fühlte sich jedoch nicht zuständig und verlieh dieser Ansicht mit deutlichen Worten Ausdruck: Er wolle sich eher „sein kopf abhauen lassen“, als die Reise anzutreten.
Kritisch gesehen wurde auch, dass Muffel über das akzeptable Maß hinaus persönliche Interessen mit Amtsgeschäften verband. Dies war an sich nicht unüblich, aber dass Muffel einen an der Kurie anhängigen, einen Pfründenstreit seines Sohnes Hans betreffenden Prozess im Namen und auf Kosten der Stadt führen ließ, ging dann doch zu weit, zumal die Prozessgegner die einflussreichen Grafen von Henneberg waren.
Auf der anderen Seite war es Muffel, der sich in mehreren vor dem Rat anhängi-gen Streitfällen zwischen ihm und seinen grundherrschaftlichen Untertanen unfair behandelt fühlte. Als er bei einer solchen Gelegenheit die Integrität des Rates in Frage stellte, verlangten die anderen Mitglieder eine schriftliche Ehrenerklärung von ihm. Ein Ausgleich kam zustande, aber nicht, bevor Muffel angedeutet hatte, dass er offenbar „ymant ein doren in den augen weren“. Dass Muffel mehr oder weniger offen auftretende Feinde im Rat hatte, räumte nach seiner Hinrichtung auch der Nürnberger Gesandte am Hof des Pfalzgrafen in Heidelberg ein. Er nannte bei dieser Gelegenheit Jobst Tetzel und Hans Koler mit Namen, Albrecht Achilles fügte der Liste später Ruprecht Haller hinzu.
Ganz offensichtlich war der Ruf Muffels außerhalb der Stadt besser als innerhalb der städtischen Elite. Möglicherweise trugen die hervorragenden Kontakte Muffels am Kaiserhof, zu Albrecht Achilles und dem Hof des Pfalzgrafen sogar dazu bei, das Misstrauen seiner Ratskollegen zu wecken. Strebte dieser Mann, der eine Adlige ohne große Mitgift geheiratet hatte, der mehr von seinem Grundbesitz als von Handelsgeschäften lebte, der sich beim König um eine Wappenverbesserung bemüht hatte, etwa danach, sich über seine Kollegen zu erheben? War bei der Hochzeit seines Sohnes Niklas IV. Muffel nicht Herzog Ludwig der Reiche als Gast erschienen? War sein Sohn Heinrich nicht sogar zur Ausbildung an dessen Hof geschickt worden?
Trotz der feinen sozialen Differenzierungen innerhalb des Rates galt eine gewisse Egalität als erstrebenswert. Elemente eines adligen Lebensstils wurden nicht gern gesehen. Muffel strahlte etwas aus, dass seinen Standesgenossen nicht gefiel und ihm mit der Zeit Neid und Missgunst eintrug, so dass sie nach einer Gelegenheit suchten, sich seiner zu entledigen: „Der rat der was von langer zeit wol uber in ergangen, es schuf im nicht dann haß und neid, daß si in legten gefangen; do man die dieb und beswicht legt, do must er innen wonen; falschheit du hast dich geregt, daß du sie darzu hast bewegt, sie wolten sein nit schonen.“
Unter der Folter gesteht er alles, was man ihm vorwirft
Am 14. oder 15. Februar 1469 wurde Niklas III. Muffel in der Losungsstube verhaftet. Am 16. wurde er unter Anwendung der Folter verhört – und gestand angesichts der Qualen alles, was man ihm vorwarf: „Sie gingen zu im alle tag und warn des henkers knechte und teten im groß marter an, mit vil umbstenden fragen … Die marter weret alle tag allein mit diesem armen; es ist doch wol ein große clag, sie heten kein erparmen … kein leiden teten sie im sparn, und wolt er sich mit beicht bewarn, so must er in bekennen.“ So berichtet erneut der Dichter Heinz Uebertwerch.
Bei der anschließenden Gerichtsverhandlung behaupteten Hans Imhof und Niclas Groß, Muffel habe seine Missetaten schon vor der Folter gestanden. Glaubt man Heinz Ueber-twerch, war das eine glatte Lüge: „Der Hanns Im Hof und Niklas Groß die sein auch von geflechten, sie gaben in den rechten stoß mit iren falschen prechten und swuren vor dem richter weis, dieblich het er entzogen tausent gulden bei irem eid; es wirdet in noch selbs wol leid, daß si in haben angelogen!“
Zweierlei wurde dem Losunger vorgeworfen: der Verrat von Ratsgeheimnissen und die Veruntreuung von Geldern der Stadt. Dass Muffel dem Abt von St. Egidien vertrauliche Informationen gegeben hatte, hatte er in einer Ratssitzung auf Nachfrage bereits offen zugegeben. Worum es sich genau handelte, geht aus den Akten nicht hervor, offenbar betrachtete Muffel selbst den Regelverstoß jedoch als Bagatelle.
Der zweite Anklagepunkt der Veruntreuung wog schwerer. Doch schon bei oberflächlicher Betrachtung wirken die Vorwürfe wenig stichhaltig. Im Zentrum der Anklage standen zwei jeweils schon länger zurückliegende Vorfälle, die von vier Zeugen beschrieben wurden: dem vorderen Losunger Anton Tucher, dem Losunger der Handwerke Anton Tallner und den Losungsschreibern Johann Reynolt und Martin Vischer.
Sie berichteten, Muffel habe um den 1. Mai herum am Zählbrett der Losungsstube mit Goldmünzen hantiert. Als er dann aufgestanden sei, seien ihm Goldmünzen aus dem Gewandärmel gefallen. Einen Monat später, am 1. Juni, seien die Schreiber dann mit der Abrechnung des neuen Spitals beschäftigt gewesen, als Muffel sich im Nebenraum an einer Truhe mit Geldsäcken zu schaffen gemacht habe. Danach sei er weggegangen und kurz darauf wiedergekommen. Geld vermisst wurde nicht, doch Muffel gestand unter Folter, mit der „Ärmelmethode“ im Lauf der Zeit 90 bis 100 Gulden und außerdem einen Geldsack zu 1000 Gulden entwendet zu haben.
Trotz fragwürdiger Beweise stirbt der Ratsherr am Strang
Nimmt man die dünne Beweislage, die sich fast wörtlich gleichenden Zeugenaussagen und den Umstand der Folter zusammen, müssen erhebliche Zweifel an den Vorwürfen bestehen. Hinzu kommt, dass der Umgang mit Geld in den Kassen deutscher Städte im späten Mittelalter alles andere als professionell war und sich Muffel mutmaßlich bessere Gelegenheiten geboten hätten, sich zu bedienen, als Münzen in seinem Ärmel verschwinden zu lassen.
Die Nürnberger Losunger verfügten sogar über eine „schwarze Kasse“, den Agiofonds, in den die Einnahmen aus von der Stadt vergebenen Krediten flossen und über den sie niemandem Rechenschaft schuldig waren, ja über den bis 1486 nicht einmal Buch geführt wurde. Sich unauffällig aus diesem Tausende Gulden schweren Fonds zu bedienen, wäre für Muffel wohl ein Leichtes gewesen, sollte er sich denn wirklich in Geldnot befunden haben – was hinsichtlich testamentarisch verfügter Legate von mehr als 10 000 Gulden zu bezweifeln ist.
Überhaupt scheint der lockere Umgang mit Geld an sich den Rat nicht gestört zu haben. So wurde bei einer Hausdurchsuchung am 23. Februar unter seinen privaten Papieren eine Liste mit Ausgaben und Einnahmen des Losungsamtes gefunden, die anhand der Zettel in der Losungsstube nicht nachzuvollziehen waren – doch der Rat beschloss, der Sache nicht weiter nachzugehen. Auch verzichtete man auf eine Rückzahlung möglicher Fehlbeträge durch seine Erben; und das, obwohl Muffel seinen Söhnen vor seiner Hinrichtung entsprechende Anweisungen gegeben hatte.
Nach dem Urteil am 28. Februar wurde Muffel auf der Stelle dem Scharfrichter zur Exekution übergeben und wie ein gewöhnlicher Dieb aufgehängt – eine entehrende Strafe für den höchsten Amtsträger der Reichsstadt. Drei Tage lang hing der Leichnam am Galgen, dann wurde er in der Nacht abgenommen und in Eschenau, einem Dorf, das zur Hälfte der Familie gehörte, im Chor der Kirche beigesetzt.
Durch die in Windeseile vollzogene Hinrichtung sollte wohl ein Eingreifen Kaiser Friedrichs III. verhindert werden. Denn die Verhaftung des Losungers hatte schnell die Runde gemacht: Der päpstliche Legat Lorenzo Rovello und Herzog Ludwig der Reiche hatten für Muffel um Gnade gebeten, Herzogin Anna von Sachsen sogar persönlich beim Rat vorgesprochen. Gerade dieser letzte Punkt könnte aber sogar zuungunsten Muffels ausgelegt worden sein, wurde seine Nähe zum Hof Albrecht Achilles’ von seinen Ratskollegen doch schon lange mit Argwohn betrachtet. Unter der Folter hatte Muffel am fünften Tag des Verhörs sogar zugegeben, dem Markgrafen Details eines Kreditgeschäftes mit dem Bischof von Würzburg verraten zu haben.
Erst am 9. März, mehr als eine Woche nach der Exekution des Losungers, beriefen die Ratsherren den „Großen Rat“ ein und machten Anklage und Urteilsbegründung öffentlich. Leider geben die Ratsbücher keinen Aufschluss darüber, was Jobst Tetzel bei dieser Gelegenheit berichtete. Überzeugen konnte er die Stadtgemeinde – und den Spruchdichter Heinz Ueber-twerch – nicht: „Ei Nuremberg was hastu bedacht? dein schand kan ich nit stillen … Der Tetzel ist ein böser knab, von erst er auch die urtel gab, des must der Muffel sterben.“
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