Neben Pest, Colera und Co suchte in der Geschichte Europas auch ein spezielles Grauen die Menschen heim: Die Syphilis war nicht nur lebensgefährlich, sie wirkte auch wie eine Strafe Gottes für „unzüchtiges“ Verhalten, denn es war klar, wie man sich mit diesem „Leiden der Venus“ ansteckt. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts begann sich die sexuell übertragbare Erkrankung stark in Europa auszubreiten. Besonders schlimm wütete sie dann auch im 18. Jahrhundert, wie aus zahlreichen Quellen hervorgeht. Sie verweisen dabei auch auf einen ausgesprochenen Hotspot der Syphilis: die expandierende Metropole London.
Die Lust-Seuche im Visier
Wie die Historiker Simon Szreter und Kevin Siena von der University of Cambridge berichten, dokumentieren dies die Tagebücher von James Boswell (1740 bis 1795) besonders eindrucksvoll: Der berühmte Schriftsteller berichtet von zahlreichen schmerzhaften Erfahrungen mit der Syphilis und weiteren Geschlechtskrankheiten. Aus seinen Aufzeichnungen geht auch hervor, wie er sie sich aufgeschnappt hatte: Boswell notierte in seinen Tagebüchern seine häufigen Besuche bei den Prostituierten Londons. Für diese sexuellen Aktivitäten bezahlte er dann im doppelten Sinne: Syphilis war schmerzhaft, lebensgefährlich und die Behandlungsformen der Zeit waren fast so schrecklich wie die Krankheit selbst.
Bei ersten Anzeichen wie Ausschlag oder Schmerzen beim Wasserlassen, hofften die Menschen im georgianischen England, dass sie sich nur Gonorrhoe aufschnappt hatten. War es hingegen die Syphilis, wurden die Symptome schlimmer: Es kam zu lähmenden Schmerzen und Fieber. Unbehandelt konnte die Krankheit dann zu Nervenschäden und zum Tod führen. Das einzige wirksame Behandlungsmittel gegen den bakteriellen Erreger war damals Quecksilber. Die Kur mit dem giftigen Schwermetall hatte allerdings schlimme Nebenwirkungen und erforderte mindestens fünf Wochen stationäre Behandlung. Diese wurde von einigen Krankenhäusern Londons sogar kostenlos angeboten.
Der Verbreitung auf der Spur
Doch wie schlimm grassierte die „Lust-Seuche“ damals tatsächlich? Um das Ausmaß der Verbreitung mit Zahlen zu untermauern, haben Szreter und Siena große Datenmengen aus Krankenhausinformationsregistern und Inspektionsberichten sowie aus weiteren Quellen der Zeit ausgewertet. Neben London nahmen sie dabei auch die Provinzstadt Chester und ländliche Bereiche Englands ins Visier. So kamen sie vor dem Hintergrund der Bevölkerungszahlen um das Jahr 1775 zu einer Einschätzung der Verbreitung der Syphilis.
Aus ihren Berechnungen geht hervor, dass sich im Durchschnitt jeder fünfte Londoner bis zu seinem 35. Geburtstag mit Syphilis angesteckt hat. Das entspricht einer Wahrscheinlichkeitsrate für eine Ansteckung von 20 Prozent. Im Vergleich dazu war sie in Chester deutlich geringer, ergaben die Berechnungen: Das durchschnittliche Risiko einer Infektion bis zum 35. Lebensjahr lag dort nur bei acht Prozent. “Es ist nicht sehr überraschend, dass sich die Sexualkultur Londons in dieser Zeit von der des ländlichen Großbritanniens unterschied. Aber jetzt wird klar, dass London in einer ganz anderen Liga spielte als selbst größere Provinzstädte wie Chester”, sagt Szreter.





