Zu Fastnacht 1523 hatte Herzog Ottheinrich, der Landesherr des Fürstentums Pfalz-Neuburg, den landsässigen Adel seines Herrschaftsgebiets zu einem Turnier in seine Residenzstadt Neuburg an der Donau geladen. Drei Wochen lang wechselten sich ritterliche Zweikämpfe und Mummenschanz ab. Für Herzog Philipp, den jüngeren Bruder Ottheinrichs, war es “sein erst stechen”, und er bestand es mit Bravour. Sogar Ottheinrich lobte mit verhaltenem Stolz, sein Bruder habe “zimlich gut ding gestochen”. Auch Ottheinrich selbst wollte mit seinen Jugendfreunden, die sich in Neuburg eingefunden hatten, die Kräfte messen, vor allem mit Hans von Parsberg, der im Turnier so oft den ersten Rang erzielte. Tatsächlich entwickelten sich die Wettkämpfe ganz im Sinne Ottheinrichs. Seine ersten Gegner warf er mühelos aus dem Sattel, so daß es am 15. Februar zu dem gewünschten Treffen mit Hans von Parsberg kommen sollte. Alles war zur Tjost, wie man den ritterlichen Zweikampf mit Roß und Lanze nannte, gerüstet. Doch da, so notierte Ottheinrich später in sein Tagebuch, “wolt mein gaul nimmer laufen”. Es half nichts; auch diesmal trug Hans von Parsberg den Preis davon.
Diese Episode wirft ein bezeichnendes Licht auf Ottheinrich und die Welt, in der er lebte. Es ist bemerkenswert, wie das Turnier, einst ein Gipfelpunkt ritterlicher Lebensform, dann zusehends auf seine sportliche Komponente verengt, nun gar zum bloßen Karnevalsvergnügen geworden war. Der Harnisch diente nur mehr der Maskerade, nicht anders als die Bauernkleider, in denen Ottheinrich einmal ungeladen bei einer Hochzeit erschien.
Die Realität, die sich hinter diesen Gaukelbildern verbarg, sah indes anders aus, und oft genug brachen sich an ihr die Wünsche und Pläne Ottheinrichs. Sein Anspruch freilich war hoch gesteckt. Er speiste sich wesentlich aus seiner fürstlichen Herkunft. Ottheinrich war 1502 geboren worden. Seine Eltern waren Pfalzgraf Ruprecht, der dritte Sohn des Kurfürsten Philipp des Aufrichtigen von der Pfalz, und Elisabeth von Bayern-Landshut, die Tochter Georgs des Reichen und der Jadwiga (Hedwig) von Polen, die in der berühmten Landshuter Fürstenhochzeit miteinander vermählt worden waren. Über seinen Vater führte Ottheinrich sich in direkter Linie auf jenen Ruprecht von der Pfalz zurück, der von 1400 bis 1410 römisch-deutscher König gewesen war. Über seine Mutter leitete er sich von dem polnisch-litauischen Königsgeschlecht der Jagiellonen ab. Er entstammte also nicht nur der ranghöheren kurfürstlichen Linie des Hauses Wittelsbach, sondern war auch von beiden Elternteilen her von königlichem Geblüt. Er war damit, wie er es sah, den Habsburgern durchaus ebenbürtig.
Seine hohe Selbsteinschätzung hatte jedoch noch einen weiteren Anknüpfungspunkt. Denn aus seiner Herkunft erwuchsen Ottheinrich Anwartschaften auf die Kurpfalz, die in einem Testament seines Großvaters 1506 umrissen und in einem Hausvertrag mit seinen pfälzischen Onkeln 1524 abschließend geregelt worden waren. Danach sollte Ottheinrich beim kinderlosen Tod seiner Onkel Ludwig und Friedrich die Kurpfalz zufallen. Seither sah Ottheinrich in der Kurpfalz sein, wie er es nannte, “wartend erb”. Die pfälzische Kurwürde aber war die ranghöchste weltliche Kur des Reiches; mit ihr war nicht nur die Königswahl, sondern auch das Reichsvikariat bei Vakanz des Kaisertums oder Abwesenheit des Reichsoberhauptes verbunden. Tatsächlich blieb die Ehe zwischen Ludwig von der Pfalz und Sybille von Bayern kinderlos, “wie man sagt”, so berichtet die Zimmernsche Chronik respektlos, “ires vil weinsaufens halb”; und auch aus einer späteren Ehe Friedrichs gingen keine Nachkommen hervor, so daß Ottheinrich den natürlichen Lauf der Dinge abwarten zu können glaubte. Von daher erhielt sein Motto “Mit der Zeit”, das er sich schon als 14jähriger in der Hoffnung auf baldige Befreiung von seinen Lehrern gewählt hatte, eine tiefere Bedeutung.





