Vor mehr als 150 Jahren schrieb Johann Gustav Droysen, der den Begriff „Hellenismus“ in die Forschung eingeführt und mit seiner dreibändigen „Geschichte des Hellenismus“ Maßstäbe für die gesamte historische Literatur gesetzt hat, über den Aufstieg Pergamons: „In ähnlicher Weise wie Rhodos hatte der kleine pergamenische Staat, der durch die vorsichtige Politik seiner Dynasten nicht minder als durch die bedeutenden Schätze, die sie besaßen, eine Bedeutung erhielt, sich in die allgemeine Politik zu mischen begonnen. Eumenes und nach ihm seit 241 [v. Chr.] seines Bruders Sohn Attalos … begannen damals den Grund zu einer politischen Stellung, die überaus schnell von der eigentümlichsten Bedeutung wurde, zu legen; in wenigen Jahren fand Attalos die Gelegenheit, das Diadem zu gewinnen, auf das sein ganzer edler Ehrgeiz gerichtet war.“ Attalos, das ist Attalos I. (269 –197 v. Chr.), der Erste seines Geschlechts, der den Königstitel trug. Der „Grund“, den Attalos Droysen zufolge gelegt hatte, war eine Serie von Siegen, die er kurz nach Herrschaftsantritt 241 v. Chr. über die Galater errungen hatte, die seiner Stadt zuvor regelmäßig Tribute abgepresst hatten. Tatsächlich war der Erfolg, den der junge König gegen die kriegerischen Nachbarn Pergamons verbuchen konnte, nicht nur Grund genug für Attalos, den Königstitel anzunehmen, sondern auch der entscheidende Faktor, der seinem bescheidenen Reich zum Durchbruch auf der Bühne der großen Politik verhalf.
Pergamon liegt im unteren Kaïkostal in der antiken Landschaft Mysien. Um den Aufstieg der Stadt in der heutigen Nordosttürkei von einem muffigen Provinznest zur hellenistischen Mittelmacht zu verstehen, ist ein Blick auf die Verhältnisse im hellenistischen Kleinasien und die politische Großwetterlage der Epoche unerlässlich. Im Frühjahr 334 v. Chr. hatte Alexander der Große den Hellespont überschritten und damit den von seinem Vater Philipp II. geplanten Perserkrieg eröffnet. Am Fluss Granikos siegte er über das Heer des persischen Satrapen, und bis zum Herbst des folgenden Jahres hatte er ganz Kleinasien in der Hand.
Kleinasien bzw. Anatolien – das Land zwischen Schwarzem Meer, Mittelmeer und Taurus – war damals schon seit Urzeiten eine Kontaktzone zwischen Kulturen, zwischen Orient und Okzident, zwischen griechisch geprägten Städten an den Küsten und Bergstämmen des Binnenlands. Kolonisiert von Griechen, beherrscht von Persern, besucht von Händlern aus aller Welt, war Kleinasien Ausgangspunkt wichtiger Innovationen – des gemünzten Geldes beispielsweise oder der durch ein recht-winkliges Straßenraster erschlossenen, systematisch geplanten Stadt, ja selbst, dank Homer, der griechischen Literatur –, zugleich aber auch ewiger Zankapfel zwischen den großen Mächten: Hethitern und Ägyptern in der Bronzezeit, später, im 5. Jahrhundert v. Chr., Athenern und Persern.
Als Alexander 323 v. Chr. in Babylon das Zeitliche segnete, brach der Streit um Kleinasien und die strategisch wichtigen Meerengen von Hellespont und Bosporus von neuem aus. Theoretisch blieb das nach innen noch nicht gefestigte Reich Alexanders eine Einheit, doch faktisch kochte bald jeder der vielen Satrapen und Generäle sein eigenes Süppchen. In Kleinasien überschnitten sich die Einflüsse von gleich mehreren dieser Diadochen („Nachfolger“): Anti-gonos I., genannt Monophthalmos („der Einäugige“), beherrschte Phrygien und Lykien, der Grieche Eumenes von Kardia Kappadokien und Lysimachos Thrakien, von wo er beständig nach Anatolien hinüberschielte.





