Will man den Abstand zwischen Taiwan und dem kontinentalen China ermessen (auf Taiwan wird die Volksrepublik China oft einfach als dalu bezeichnet: das Festland), dann muß man bedenken, daß Taiwans Sonderweg bereits 1895 begann, als Japan die Insel zu seiner Kolonie machte. Das ganze 20. Jahrhundert hindurch hat Taiwan eine Entwicklung genommen, die sich von derjenigen auf dem Festland erheblich unterschied. Das propagandistische Beharren der Volksrepublik China (VRCh) auf der Zugehörigkeit Taiwans zur chinesischen Nation darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Taiwan und das übrige China nicht nur vorübergehend entzweit worden sind.
Niemand im heutigen Taiwan kann sich aus persönlichem Erleben an die Zeit erinnern, als die Insel zum chinesischen Staatsverband gehörte. Dadurch unterscheidet sich die „Teilung“ Chinas wesentlich von der erst 1945 erfolgten Auflösung der staatlichen Einheit Deutschlands.
Noch heute spricht man von der „Taiwan-Frage“. Damit ist üblicherweise ein Problem der internationalen Politik gemeint: die Frage, wie Taiwan ohne militärische Gewalt und unter Wahrung der Rechte der Inselbewohner an die VRCh angeschlossen werden kann. So gestellt, verweist die Frage auf eine der wenigen Anomalien, die aus der Frühzeit des Kalten Krieges übriggeblieben sind. Im Hintergrund schlummert hier die Annahme, eine Rückkehr Taiwans unter die Kontrolle Pekings würde einen historischen Normalzustand wiederherstellen. Man kann der „Taiwan-Frage“ aber auch einen tieferen Sinn verleihen: Wie läßt sich eine Gesellschaft, die nach mehr als einem Jahrhundert separater Entwicklung einen bedeutend höheren Wohlstand und ein weitaus größeres Maß an Rechtssicherheit und politischer Freiheit des einzelnen erreicht hat, in ein ihr gegenüber vielfach rückständiges „Mutterland“ eingliedern? Ist das Prinzip des Nationalismus ausreichend, um eine solche Reintegration zu begründen?
Wie immer man die Frage formuliert: Ein historischer Rückblick kann zur Klärung beitragen. Die Insel Taiwan, von der Portugiesen „Formosa“ genannt, war viele Jahrhunderte lang eine Grenzregion, der die Herrscher Chinas wenig Beachtung schenkten und die nicht zum Gebiet des chinesischen Kaiserreiches gehörte. Sie wurde von Menschen bewohnt, die ethnisch keine Han-Chinesen waren und sich nicht in einem der chinesischen Dialekte, sondern in austronesischen Sprachen ausdrückten. Eine langsame Besiedlung von Teilen der Insel durch Seefahrer und Piraten aus der gegenüberliegenden Provinz Fujian begann erst im 16. Jahrhundert. Zwischen 1622 und 1661 gab es eine holländische Kolonie auf Taiwan. Sie wurde durch das private Regiment der vom Festland stammenden Familie Zheng abgelöst. Nicht der Kaiser, sondern der Abenteurer und Kaufmann Zheng Chenggong (von seinen europäischen Widersachern „Koxinga“ genannt) war der erste chinesische Herrscher auf Taiwan.





