Als Handwerker vor über 4000 Jahren herausfanden, welch großen Vorteil es hatte, Kupfer mit Zinn zu verschmelzen, eröffneten sich neue Welten. Aus dem neuen Material – Bronze genannt – ließen sich Werkzeuge und Waffen fertigen, die weitaus feiner waren als solche aus Stein und dazu viel härter und stabiler als solche aus Kupfer. So viel die Forscher heute über die Bronzezeit wissen – so wenig war bisher über die Minenarbeiter bekannt, die die Rohstoffe mühsam aus dem Berg holten. Wer waren diese Männer, die den Aufbruch in eine neue Ära ermöglichten? Waren sie unfreie Knechte? Oder vielmehr angesehene Spezialisten, die von der Gemeinschaft versorgt wurden?
Diesen Fragen ist ein Archäologenteam um Jörg Schibler von der Universität Basel und Gert Goldenberg von der Universität Innsbruck auf der Spur. Sie arbeiten im Forschungsprojekt HiMAT (The History of Mining Activities in the Tyrol and Adjacent Areas), gefördert vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF. Für ihre Untersuchung nahmen die Forscher das Bergbau-Gebiet Mauken in Nordtirol unter die Lupe. Das Gestein der Region ist reich an kupfer- und silberhaltigem Fahlerz. Im 15. und 16. Jahrhundert gehörte das Gebiet zu den führenden Bergbau-Zentren Europas. Und schon in der Bronzezeit wussten die Menschen, dass der Boden hier reich mit Kupfer durchsetzt ist.
In einer Höhe von 900 bis 1200 Metern zeugen mehrere Fundstätten vom Können der frühen Bergarbeiter: Auf einem Plateau, Mauk D genannt, stammen mehrere Schächte aus dem 12. bis 11. Jahrhundert v.Chr. Mit Feuer trieben die Männer Höhlen in den Berg. Gleich neben den Schachteingängen bearbeiteten sie das geförderte Gestein. Auch am Platz Mauk A, ebenfalls aus dem 12. bis 11. Jahrhundert v.Chr., verhütteten die Bergleute das Erz direkt vor Ort in Öfen. Die Archäologen fanden hier rund 100 Tonnen Kupferschlacke.
In Mauk E drangen die Männer besonders weit in den Berg vor: Der Schacht reicht 25 Meter tief ins Gestein. Holzkohlereste auf dem Boden verrieten den Archäologen das Alter des Tunnelwerks: etwa 2800 Jahre.
Schnell wurde den Forschern klar, dass hier keine Feierabend-Schürfer am Werk waren, sondern echte Vollzeitprofis. Für Ackerbau und Viehzucht dürften sie höchstwahrscheinlich keine Zeit gehabt haben. Doch wovon lebten sie? Die Forscher können das aus den Spuren ablesen, die die Männer hinterlassen haben – Abfallhaufen, die viel über den Speiseplan verraten.
In der Umgebung von Schmelzplatz Mauk A und der Schächte von Mauk D holten die Ausgräber massenhaft Knochen aus dem Boden: insgesamt rund 20 Kilogramm in 4500 Fragmenten. Die Kupfersalze im Erdreich, die entstehen, wenn das Kupfer mit Säuren im Boden in Berührung kommt, leisteten den Archäologen große Hilfe: Die Verbindungen sind so giftig, dass sie antibakteriell wirken. Mikroben schafften es nicht, die Essensreste zu zersetzen.
jagen war nicht nötig
Wie die Untersuchung der Knochen ergab, mussten die Kumpel nach der Arbeit nicht mehr auf die Jagd gehen. Die Archäologen fanden bloß Knochen zweier Wildtiere: eines Baummarders und eines Maulwurfs. Stattdessen aßen sich die Männer am Fleisch domestizierter Tiere satt: Die Reste stammen zu 43 Prozent von Schweinen, zu 38 Prozent von Schafen und Ziegen und nur zu 19 Prozent von Rindern. „Bei Rindern waren Milch und Käse sowie die Arbeitskraft wichtiger als das Fleisch”, erklärt Jörg Schibler. „ Schweine waren dagegen reine Fleischlieferanten und zeugen damit von Luxus. Man verfütterte ihnen pflanzliche Nahrung, die der Mensch auch selbst hätte essen können, nur um Fleisch zu produzieren.”
Während in bronzezeitlichen Dörfern üblicherweise Fleisch von Tieren jeden Alters im Topf landete, fehlen an den Fundstätten von Mauken die Knochen von sehr jungen und von alten Exemplaren – mit wenigen Ausnahmen. Es wurden also keine Tiere zur Zucht, Woll- und Milchproduktion gehalten, denn die wären erst geschlachtet worden, wenn sie nicht mehr genügend Wolle oder Milch liefern konnten. Nach Mauken kamen nur Tiere, die ihr Schlachtgewicht erreicht hatten.
Mehr noch: Das Vieh kam weder lebend noch im Ganzen. Wirbelknochen und Rippen sind selten. Stattdessen stießen die Archäologen auf Knochen von Körperteilen, die besonders fleisch- und fettreich waren: bei Schafen und Ziegen die oberen und mittleren Extremitäten, bei Schweinen die Oberschenkel und auch die Schädel, bei Rindern ebenso.
So setzen sich die Puzzlesteine nach und nach zu einem Ganzen zusammen: Die Maukener Bergleute wurden mit Fleisch versorgt, das sie fertig zerlegt geliefert bekamen. Sie mussten ihre kostbare Zeit und Energie also nicht mit Aufziehen und Schlachten der Tiere vergeuden. Woher die Lieferungen kamen, wissen die Archäologen nicht. Erst eine Strontium-Isotopenanalyse der Knochen könnte die Herkunftsorte der Tier eingrenzen.
BROT und EINTOPf
Die Archäobotaniker Klaus Oeggl und Elisabeth Breitenlechner von der Universität Innsbruck haben sich die bronzezeitliche Vegetation in der Region Mauken näher angeschaut. Sie sind sicher, dass die Bergleute den Boden nie bestellt haben. Weder bei den Pollen noch bei anderen Pflanzenresten in der Umgebung fanden die Forscher Merkmale kultivierter Pflanzen. So spekulieren sie: Auch Brot, gereinigtes Getreide und Gemüse wurden angeliefert und entweder gleich verzehrt oder zu Eintopf verarbeitet.
Offenbar waren die Bergleute von Mauken für die Gemeinschaft so wertvoll, dass die Männer im Tausch für ihre Arbeit mit Lebensmitteln versorgt wurden. Gutes Fleisch und zubereitete Feldfrüchte – das waren in der bronzezeitlichen Gesellschaft echte Privilegien. Man könnte sagen: Als Lohn bekamen die Kumpel einen richtig guten Lieferservice frei Haus. ■
von Angelika Franz





