Ingo Grabowsky stellt die These auf, dass der Schlager für die Gesellschaft in der Sowjetunion ein Motor der Verwestlichung war. „Die Leute haben den Schlager benutzt, um sich mit seiner Hilfe Illusionsräume außerhalb der Sowjetunion zu erschaffen und sich aus der Tristesse wegzuträumen“, erklärt der Slavist. „Der Schlager war ein Mittel, um diese durchideologisierte Welt überhaupt auszuhalten.“ Für sein Projekt, das von 2010 bis 2013 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, hat er zahlreiche Zeitzeugen interviewt und Quellen in russischen Archiven durchforscht.
Im Jahr 1948 hatte es in der Sowjetunion eine staatliche Kampagne gegen den Einfluss westlicher Musik gegeben, sowohl in der Klassik als auch in der „Estrade“, der leichten Musik. Wer sich nicht an die Vorgaben hielt, landete im Straflager. Nach dem Tod Stalins im Jahr 1953 änderte sich einiges: Bei den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1957 in Moskau kamen 34000 junge Menschen aus aller Welt zusammen und brachten „ihre“ Musik und „ihren“ Modestil mit: Jazz, Rock’n’Roll, Skiffle, gepaart mit Jeans und Lederjacken. „Diese neuen Einflüsse kamen in das im Grunde völlig abgeschottete Land und brachen einiges auf“, so Grabowsky. Sowjetische Künstler begannen daraufhin, sich an den westlichen Musikern zu orientieren.
Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, traten sogenannte künstlerische Räte auf den Plan. Diese saßen zum Beispiel in Konzertagenturen oder in der staatlichen Schallplattenfirma „Melodija“ und fungierten als Zensurkommissionen. Unter anderem waren sie dafür zuständig, Bühnenprogramme abzusegnen, bevor diese aufführt werden durften. Dennoch schafften es Musiker immer wieder, diese Räte zu unterwandern.
Verschiedene musikalische Trends schwappten in den Folgejahren vom Westen in die Sowjetunion: Twist, die Beatle-Manie und damit einhergehend der Rock – vom Volk geliebt, von den künstlerischen Räten verpönt. Im Gegensatz zum Radio und Fernsehen, die ausstrahlten, was sie für ideologisch korrekt hielten, mussten die staatlichen Konzertorganisationen ab Anfang der 1970er-Jahre einen wirtschaftlichen Plan erfüllen. Und das taten sie mit Künstlern, die westlichen Mustern folgten. So wurde es sowjetischen Musikern und Bands zum ersten Mal ermöglicht, die Musik zu machen, die sie wirklich machen wollten. Die neuen großen Stars traten in Kultur- und Sportpalästen auf, in die bis zu 12000 Personen hineinpassten. Die „Verwestlichung“ war damit nicht mehr aufzuhalten.





