Seit seinem Bekanntwerden in Europa im späten Mittelalter übte das Porzellan eine Faszination aus wie kaum ein anderes Material. Vom raren exotischen Sammlungsobjekt der fürstlichen Kunstkammern der Renaissance avancierte es im späten 17. Jahrhundert vor allem durch den Einfluss des französischen Königshofs zu einem wichtigen Bestandteil der repraesentatio maiestatis. Porzellankabinette im chinoisen Stil oder aufwendig in Silber bzw. Bronze montierte chinesische und japanische Porzellane gehörten fortan zur angemessenen, dem höfischen Zeremoniell verpflichteten Einrichtung fürstlicher Residenzen.
Es erstaunt also keineswegs, dass immer wieder Versuche unternommen wurden, dieses kostbare keramische Material in Europa nachzuerfinden. Als dies 1708 in Meißen unter dem sächsischen Kurfürsten und polnischen König August dem Starken erstmals gelang (siehe dazu Seite 22), eroberte sich das Meißener wie auch das in den nachfolgenden Manufakturen produzierte europäische Hartporzellan in kürzester Zeit seinen Platz an der Seite und anstelle der ostasiatischen Vorbilder.
Anhand ausgewählter Beispiele der Meißener und der Nymphenburger Manufaktur aus den Beständen der Münchner Sammlungen in der Residenz, dem Bayerischen Nationalmuseum und der Meißener Porzellan-Sammlung Stiftung Ernst Schneider in Schloss Lustheim lassen sich einige Aspekte der Rolle von Porzellan in der Hofkultur des Rokoko veranschaulichen.
Im Bayerischen Nationalmuseum und im Residenzmuseum in München, unter denen Mitte des 19. Jahrhunderts die Porzellane aus dem kurfürstlichen Altbestand aufgeteilt wurden, befinden sich jeweils zwei Meißener Teegeschirre mit miniaturhaften Chinoiserien aus der Hand des seit 1720 für die königlich-sächsische Manufaktur arbeitenden Porzellanmalers Johann Gregorius Höroldt. Die Geschirre wurden laut einer Kommissionsakte der Meißener Manufaktur von 1723 anlässlich der Vermählung des bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Amalia im Oktober 1722 gefertigt. Sie gehören damit zu den ersten Chinoiserie-Servicen, die von Meißen aus an einen auswärtigen Hof verschickt wurden. Ob es sich dabei um eine direkte Bestellung aus München oder aber um ein Geschenk Augusts des Starken gehandelt hat, ist bislang nicht archivalisch nachweisbar.
Die hohe Wertschätzung dieser Porzellane dokumentiert ihre dem tatsächlichen Gebrauch enthobene Zurschaustellung auf zwei silbervergoldeten Aufsätzen in den fürstlichen Repräsentationsräumen. Die Arbeiten des Augsburger Goldschmieds Johann Engelbrecht bestellte Karl Albrecht wohl im Zuge der von 1730 bis 1733 durch François Cuvilliés entworfenen Ausstattung der sogenannten Reichen Zimmer. Diese sollten als Parade- und Staatsappartements den Anspruch des bayerischen Kurfürsten auf die Kaiserwürde dokumentieren. Nach Aussage des Residenz-Inventars von 1769 scheinen die Aufsätze mit den Teegeschirren ihren Platz auf zwei vergoldeten Konsoltischen in der Grünen Galerie, zugleich Festsaal, Bilder- und Spiegelgalerie, gefunden zu haben. Die Aufstellung von Porzellanen – ostasiatischen wie sächsischen – auf Kommoden, Konsoltischen und Kaminsimsen in der Enfilade (Raumflucht) der Reichen Zimmer gipfelte im Ruhe- und Schreibzimmer des Kurfürsten, das als Spiegel- und Porzellankabinett gestaltet wurde. Dort kamen fast 300 Porzellane zur Aufstellung, darunter 70 Einzelstücke und 222 kleine Vasen, deren Anzahl durch die Spiegel noch vervielfacht erschien. Dies belegt sehr anschaulich, welcher Stellenwert dem „weißen Gold“ im Rahmen der fürstlichen Selbstdarstellung beigemessen wurde.





