Der Ärger über den Medienrummel war bald verflogen, Einstein freute sich spitzbübisch über das Bild und entdeckte zugleich sein Talent als Selbstvermarkter: Er ließ das Foto auf T-Shirts, Poster und Grußkarten drucken, und die Souvenirbranche verdiente sich mit seiner Zunge eine goldene Nase. Einstein war der lebende Nachweis, dass auch die Wissenschaft Popstars hervorbringen kann.
Die entblößte Zunge war für Einstein fortan auch ein politisches Statement gegen alles, was er bekämpfte oder verabscheute. Einer seiner Lieblingsfeinde war der republikanische Senator und Antikommunist Joseph McCarthy, der Anfang der 1950er Jahre politische Gegner, Intellektuelle und Künstler manisch verfolgte und gegen manche sogar Schauprozesse inszenierte. Als überzeugter Demokrat fand Einstein derlei Exzesse zu Beginn des Kalten Kriegs grenzenlos dumm. Seine Verachtung schärfte er gerne mit einer Prise Ironie nach: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
Der 1879 in Ulm geborene Jude Einstein ließ sich als Deutscher nie vereinnahmen, er fühlte sich als Freigeist – auch und vor allem als Wissenschaftler –, Weltbürger und „entschiedener Pazifist“ mit realistischem Blick. Das militärisch aufgeheizte Klima im Deutschen Reich machte schon dem Knaben zu schaffen, später der alltägliche Antisemitismus. Kurz nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wanderte der Wissenschaftler in die USA aus. Er wolle nur in einem Land leben, „in dem politische Freiheit, Toleranz und Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz herrschen“, ließ er die Zurückgebliebenen wissen. Bis zu seinem Tod 1955 sollte er deutschen Boden nicht wieder betreten.
Albert Einsteins Warnung des Jahres 1939 an seine Wahlheimat, Hitler könnte möglicherweise an Atomwaffen gelangen, sollte sich glücklicherweise als überzogen herausstellen. Doch wollte Einstein offenbar nicht sterben, ohne der „lieben Nachwelt“ die Leviten zu lesen. In einer schonin den 1930er Jahren verfassten Notiz, die auf die Zeit nach seinem Tod gemünzt war, schrieb er: „Wenn ihr nicht gerechter, friedlicher und überhaupt vernünftiger werdet, als wir sind bzw. gewesen sind, so soll euch der Teufel holen …“





