Regimentssprache variabel
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts umfasst das Reich der Habsburgermonarchie neben Österreich auch weite Teile Osteuropas. Zu ihm gehörten die Gebiete des heutigen Tschechien und der Slowakei, Ungarn, Slowenien, Teile Bosniens sowie Teile Serbiens und Polens. Entsprechend viele Völker und Sprachen werden im k.u.k. Reich gesprochen.
Um dieser Sprachvielfalt Rechnung zu tragen, passte sich auch die Armee der Habsburgermonarchie an: Zwar war die Kommando- und Dienstsprache Deutsch, innerhalb der Regimenter aber wird die jeweilige Landessprache gesprochen. “Elf Sprachen sind es, die in Verwendung sind”, schildert Tamara Scheer von der Universität Wien. Eine Zwölfte kam später dazu. Die Historikerin hat in einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt untersucht, wie Kaiser, Armee, Soldaten und Heeresbürokratie mit der Vielsprachigkeit umgingen.
“Was damit bezweckt wurde, war, dass man den Soldaten die Möglichkeit geben wollte, sich in ihrer Sprache auszudrücken und während ihrer dreijährigen Dienstzeit keine andere aufgedrückt zu bekommen”, erläutert Scheer. Zudem stand die Erwartung dahinter, dass dieses Entgegenkommen ein höheres Maß an Loyalität der Soldaten gegenüber Kaiser und König förderte. “Dieses System führte dazu, dass man national gesinnter Tscheche und dennoch kaisertreu und loyal zur Armee sein konnte, sagt die Historikerin. “In Friedenszeiten funktionierte das ganz gut.”
Flexibel, wenn auch nicht ohne Probleme
Ganz ohne Probleme lief es allerdings auch dann nicht: Denn in vielen Gebieten Österreich-Ungarns wurden gleich mehrere Sprachen gesprochen. Welche Sprache dann im jeweiligen Regiment gesprochen wurde, entschied alljährlich aus Neue eine Erhebung. Dadurch wurden sprachliche Unstimmigkeiten immer wieder von Fall zu Fall entschieden – wenn auch nicht immer objektiv und gerecht. Doch weil die Regeln immer wieder flexibel ausgestaltet wurden, trug dies zur Resilienz des Konstrukts bei.
Der Nachteil: Der Zwang zur Entscheidung für eine Regimentssprache förderte entgegen seiner Intention das Denken in nationalen Kategorien. “Wer in Mähren lebte, einem weitgehend zweisprachigen Raum, und angab, von beiden Sprachen öfters Tschechisch zu sprechen, der kam in ein tschechisches Regiment”, berichtet Scheer. Er wurde somit gleichsam zum Tschechen gemacht. Sein ebenfalls zweisprachiger Freund oder Bruder konnte dagegen in ein deutschsprachiges Regiment kommen und wurde so quasi zum Deutschen erklärt. “Das interessante ist, dass die Unzulänglichkeiten des Systems wohl erkannt, aber nie behandelt wurden”, sagt Scheer.





