Bis in die jüngste Zeit werden waffentüchtige Frauen gern unter dem Sammelbegriff „Amazone“ zusammengefasst. Er ist meist eng mit dem Reitwesen verbunden, findet aber auch Verwendung, um aktiv kämpfende Frauen zu bezeichnen. Diese gibt es inzwischen in vielen Armeen, doch ist ihr Einsatz bis heute nicht selbstverständlich und ruft Emotionen hervor. Bereits in der Antike ausgebildete Klischees, die vor allem griechische Autoren in vielen Einzelheiten überlieferten, sind bis in die Gegenwart wiederzufinden.
Vor allem Herodot sowie der sogenannte Pseudo-Hippokrates verbanden in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Berichte über die Amazonen mit dem nordpontisch-kaspischen Steppengebiet sowie den Skythen und deren östlichen Nachbarn. So verwundert es nicht, dass sich gerade hier eine „Amazonenarchäo‧logie“ entwickelte. Sie erweitert das von den Schriftquellen gezeichnete Bild beträchtlich und hat die Schilderungen Herodots in ungeahnter Weise bestätigt; Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit konnten damit ausgeräumt werden.
In den Augen der Griechen waren die Skythen wie deren östliche Nachbarn „nördliche Barbaren“ mit bizarren und blutrünstigen Kriegerbräuchen, die zudem den Wein unverdünnt und in großen Mengen zu trinken pflegten. Besonders die Skythen galten als tapfere und fast unbesiegbare Krieger. Dank intensiver archäologischer Forschungen (siehe DAMALS 12-1997) wissen wir heute viel über die Wirtschaft der wegen ihrer Pferdezucht oft als „Stutenmelker“ bezeichneten Stämme, deren Hauptwaffe der kurze Reflexbogen war. Ihre mobile Lebensweise mit Hilfe ochsengezogener Wohnwagen führte zur Entwicklung eines „Wohnwagennomadismus“, der es erlaubte, in der günstigen Jahreszeit mit großen Viehherden auf Weidetouren zu gehen. Die üppige, gut bewässerte Grassteppe stellte eine schier endlose Weide dar. Im Norden schloss sich die Waldsteppenzone mit weiteren Ressourcen an, so qualitätvollem Holz zur Waffenherstellung und reichlich Jagdbeute.
Vor allem hier befanden sich große stadtartige Ansiedlungen – sie zählen zu den Überraschungen der modernen Forschung! –, in denen überwiegend Handwerker lebten. Die teils enorme Größe dieser protourbanen Siedlungen von bis zu 4 000 Hektar Innenfläche sowie die starken Befestigungsanlagen machten sie als Winterquartiere auch für die nomadisch oder halbnomadisch lebenden Teile der Bevölkerung attraktiv. Ausgrabungen haben gezeigt, dass sie zudem Zentren für Handel und Verkehr waren sowie als Kultplätze dienten. Ihre Bevölkerung unterhielt intensive Kontakte zu den griechi-schen Pflanzstädten, die seit dem 7./6. Jahrhundert v. Chr. in einem schmalen Küstenstreifen am Ufer des Schwarzen Meeres entstanden waren.




