Von sowjetischer Seite wird der 17. Juli 1942 als der Beginn der Schlacht um Stalingrad angesehen, als Vorausabteilungen der 62. und 64. Armee von der deutschen 6. Armee angegriffen wurden und kämpfend auf vorbereitete Stellungen zurückgingen. Stalingrad sollte für beide Seiten strategische Bedeutung erlangen. Für die Wehrmacht mußte ein in sowjetischer Hand befindliches Stalingrad bei ihrem Vorstoß zum Kaukasus und zum Kaspischen Meer eine ständige Gefahr an der linken Flanke darstellen. Aber auch für die Sowjetunion hätte die Preisgabe von Stalingrad außerordentlich viel bedeutet. In den 30er Jahren war die Stadt zu einem Schaustück des wirtschaftlichen Aufschwungs ausgebaut worden. Stalingrad, das sich über mehr als 40 Kilometer Entfernung am Westufer der Wolga erstreckt, hatte sich zu einer Großstadt mit 600 000 Einwohnern und einem wichtigen Industriestandort entwickelt. Nicht zuletzt war Stalingrad eine der wichtigsten Waffenschmieden der Sowjetunion. Auch das Erdöl aus dem Kaukasusvorland wurde über Stalingrad und Astrachan bis in die zentralen Gebiete der UdSSR befördert. Stalingrad hatte aber auch eine besondere politische und moralische Bedeutung. Nicht zuletzt trug der Symbolgehalt des Namens dazu bei, daß Hitler und Stalin der Stadt immer häufiger ihre Blicke auf die Stadt richteten und diese dadurch zum Kristallisationspunkt der Anstrengungen beider Seiten wurde. Sehr bald sah sich die Stadt schweren Bombenangriffen der deutschen Luftwaffe ausgesetzt. Stalingrad wurde direkt in die Verteidigungsstellungen einbezogen und für eine hartnäckige Abwehr hergerichtet. Um die Stadt wurden drei Verteidi-gungslinien angelegt, die Betriebe vollständig auf die Produktion oder Instandsetzung von militärischem Gerät umgestellt, die Zivilbevölkerung weitgehend über die Wolga nach Osten evakuiert, alle für eine Verteidigung nicht notwendigen Institutionen ausgelagert. Anfänglich kam es zu Erscheinungen von Panik unter der Bevölkerung und in verschiedenen Einheiten der Roten Armee, jedoch griff Generaloberst Tschuikow, der Befehlshaber der mit der Verteidigung der Stadt beauftragten 62. Armee, hart durch, und so gelang es, Disziplin und Ruhe wieder herzustellen Jedem Verteidiger wurde illusionslos vor Augen geführt, daß die allerorten verbreitete Losung “Hinter der Wolga gibt es für uns kein Land!” genau so zu verstehen war: Mit dem Verlust Stalingrads sei der Krieg verloren, sei das Vaterland verloren, gäbe es aber auch für einen Deserteur nirgendwo eine Heimstatt. Die Bevölkerung wurde zu Tausenden für Schanzarbeiten herangezogen und zum Be- und Entladen der auf der Wolga verkehrenden Fähren eingesetzt, die nach der Unterbrechung der Eisenbahnstrecken bald das einzige Transportmittel darstellten. Zwischen August 1942 und Februar 1943 wurden über 75000 Bewohner der Stadt in militärische Formationen eingegliedert. Als am 23. August 1942 deutsche Panzerspitzen nördlich der Stadt zum hochgelegenen westlichen Wolgaufer durchbrachen, schien das Schicksal Stalingrads besiegelt. Die 62. Armee wurde von den Hauptkräften der Stalingrader Front abgeschnitten, die Stadt geriet nun vollständig in den Wirkungsbereich schwerer deutscher Waffen. Anfang September 1942 fuhren die Generäle Schukow und Wassilewskij nach Stalingrad, um die Aussichten für ein Halten der Stadt und die Möglichkeiten für eine eventuelle spätere Gegenoffensive zu erkunden. Unter den vorliegenden Umständen konnte von einer Gegenoffensive aber nicht die Rede sein – im Gegenteil, die Lage ver-schlechterte sich weiter: Am 14. September waren die Verbände der 6. Armee unter Generaloberst Paulus bis zum Mamajew-Hügel und zum Hauptbahnhof vorgedrungen und hatten zahlreiche Gebäude in der Innenstadt besetzt. Mit dem Vorstoß der Wehrmacht auch südlich der Stadt bis zur Wolga wurde der Verteidigungsraum der Armee Tschuikows weiter eingeengt und der für ihn ohnehin spärliche Nachschub vom Ostufer des Flusses aus noch mehr behindert. In der Stadtmitte verschlechterte sich die Situation weiter, weil der Fährhafen auf dem Westufer der Wolga geräumt werden mußte und alle rückwärtigen Verbindun-gen der 62. Armee deutschem Feuer ausgesetzt waren. Paulus war nun sicher, daß es angesichts der deutschen Luftüberlegenheit und der herangeführten eigenen Verstärkungen nur noch eines letzten Ansturms bedurfte, um die Stadt endgültig in den Besitz zu bringen. Der 14. Oktober brachte die schwerste Krise für die 62. Armee, die durch einen deutschen Keil in zwei Teile gespalten wurde. Doch obwohl der Tschuikow zugeführte Ersatz ohne jede Vorbereitung sofort in den Kampf geworfen werden mußte und nach wenigen Stunden bereits ausgeblutet war, gab die 62. Armee nur wenig Gelände preis und verteidigte zäh ihre Stellungen. Ende Oktober wurden die deutschen Angriffe schwächer, Paulus’ Reserven waren am Versiegen. Am 11. November setzte die 6. Armee zu ihrem letzten Sturm auf Stalingrad an. Auch diesmal ließen sich die Verteidiger nicht überrennen – nun bereits in der Gewißheit, daß mit dem baldigen Einsetzen des Winters die deutsche Offensive ihre Ziele nicht mehr erreichen würde…





