Homo erectus gilt als unser direkter Vorfahr und als frühester Vertreter der Gattung Homo. Er war zudem der erste Frühmensch, der Afrika verließ und Eurasien besiedelte, der Feuer nutzte und fortgeschrittene Werkzeuge erfand. Damit setzte sich der Homo erectus gegen mehrere vor ihm und zeitgleich existierende Vormenschenarten durch. Doch wo und wann sich dieser erfolgreiche Frühmensch entwickelte, ist bislang unklar. Lange galt Ostafrika als die Wiege der Gattung Homo, weil dort die mit rund 1,6 Millionen Jahren ältesten Fossilien des Homo erectus gefunden wurden. Doch neuere Funde in Dmanisi in Georgien widersprechen diesem Szenario: Die dort entdeckten Homo-erectus-Fossilien sind bereits 1,8 Millionen Jahre alt.
2020 veränderte dann ein weiterer Fossilfund das Bild erneut – diesmal lag der Fundort in Südafrika. In der Drimolen-Höhle rund 40 Kilometer nordöstlich von Johannesburg stießen Paläoanthropologen auf den 2,04 Millionen Jahre alten Schädel eines Homo-erectus-Kindes. Dieses Fossil war der älteste Fund eines Homo erectus weltweit. „Aber der Schädel DNH 134 stammte von einem Kleinkind und daher war unklar, wie die erwachsenen Vertreter dieses Frühmenschen damals ausgesehen haben“, erklärt Jesse Martin von der La Trobe University in Australien. Von der Präsenz auch des adulten Homo erectus an diesem Fundort zeugten nur einige einzelne Zähne.
Ältestes Fossil eines erwachsenen Homo erectus
Deshalb haben Martin und sein Team nun 18 weitere Kiefer- und Schädelfragmente aus der eingestürzten Karsthöhle der Drimolen-Fundstätte analysiert. Diese Fossilien wurden zwischen 1992 und 2019 geborgen, aber noch nicht genauer untersucht. Die anatomischen Vergleichsanalysen enthüllten, dass eines dieser 18 Fossilien – DNH 127 getauft - ebenfalls vom Homo erectus stammt. Das Fossil besteht aus mehreren Teilen des Schädels, darunter Fragmenten des Schläfen- und Scheitelbeins. „Basierend auf dem Merkmalsmosaik unseres Funds ordnen wir DNH 127 dem Homo erectus im weiteren Sinne zu“, berichten die Forschenden. Für diese Zuordnung sprechen vor allem die Ausprägung der Knochennaht zwischen Schläfen- und Scheitelknochen und die Form des Mastoids, eines hinter dem Ohr liegenden Knochenhöckers.
Zusammen mit dem zuvor entdeckten Homo-erectus-Kind belegt das neue Fossil DNH 127, dass dieser Frühmensch sich schon vor mindestens zwei Millionen Jahren entwickelt hat. „Unser adultes Fossil des Homo erectus liefert eine weitere Bestätigung dafür, dass diese Menschenart in Südafrika schon vor zwei Millionen Jahren auftauchte“, sagt Martin. Die Funde aus der Drimolen-Höhle sind 200.000 Jahre älter als die aus dem georgischen Dmanisi und 400.000 Jahre älter als die ältesten Homo-erectus-Fossilien aus Ostafrika.
Homo erectus und Paranthropus waren Nachbarn
Doch die 17 restlichen Fossilien aus der Drimolen-Höhle zeigen auch, dass der Homo erectus damals nicht der einzige Hominine in dieser Region war. Er teilte sich seinen Lebensraum mit dem Vormenschen Paranthropus robustus, wie die ebenfalls rund zwei Millionen Jahre alten Kieferknochen, Zähne und Schädelteile dieses Vormenschen belegen. Paranthropus robustus besaß ein deutlich kleineres Gehirn, aber kräftigere Zähne und Kiefer als der Homo erectus und starb vor rund 1,6 Millionen Jahren wieder aus. Doch zumindest vorübergehend kamen beide Arten gemeinsam vor: „Beide teilten sich dieselbe Landschaft und sind in der Drimolen-Höhle konserviert“, berichtet Martin.

Dieses Kieferfragment ist eines der Fossilien des Paranthropus robustus aus der Drimolen-Höhle. — © Martin et al./ Annals of Human Biology, CC-by 4.0
Die Fossilfunde legen zudem nahe, dass der Homo erectus zumindest in dieser Gegend offenbar in der Unterzahl war: „Obwohl sich die Stammeslinie des Paranthropus letztlich als Sackgasse erwies, gab es vor zwei Millionen Jahren in Drimolen mehr als zehnmal so viele Paranthropus-Vormenschen wie Homo-erectus-Individuen“, sagt Martin. „Von außen betrachtet schien unser Vorfahre damals die Art zu sein, die geringere Chancen auf ein Überleben hatte.“ Doch die Evolution nahm einen anderen Verlauf.
Wie sich Paranthropus veränderte
Die Paranthropus-Fossilien aus der Drimolen-Höhle illustrieren aber auch, dass sich der Paranthropus bis zu seinem Aussterben veränderte und weiterentwickelte. Der Vergleich mit rund 1,8 Millionen Jahre alten Funden aus der der nahen Swartkrans-Höhle zeigte deutliche Unterschiede bei Kieferknochen und Zähnen zu den älteren Funden aus der Drimolen-Höhle. „Während dieses 200.000 Jahre langen Zeitintervalls wurden die Zähne des Paranthropus robustus noch größer und seine Kaumuskeln noch kräftiger“, berichtet Martin.
Das könnte Vermutungen bestätigen, nach denen sich die Vormenschen der Gattung Paranthropus immer stärker auf bestimmte Nahrung spezialisierten – harte Nüsse, Gräser und andere pflanzliche Nahrung. Das könnte sie in eine evolutionäre Sackgasse geführt haben. Während der Homo erectus mehr Fleisch aß und vom höheren Energiegehalt der tierischen Nahrung profitierte, könnte die Nahrung für Paranthropus durch Klimawechsel rar geworden sein – so die Annahme. Ob das aber tatsächlich der Grund für das Aussterben dieses Vormenschen war, ist noch strittig.
Quelle: La Trobe University; Fachartikel: Annals of Human Biology, doi: 10.1080/03014460.2026.2725046





