Als die Römer Britannien eroberten, kamen sie zunächst nur bis auf Höhe der heutigen Stadt Newcastle upon Tyne und des Solway Firth. Dort ließ Kaiser Hadrian ab dem Jahr 122 einen befestigten Grenzwall mit Wachtürmen und Garnisonen errichten, den heute nach ihm benannten Hadrianswall. Knapp 20 Jahre später gelang es jedoch einem der Nachfolger Hadrians, dem römischen Kaiser Antoninus Pius, die Grenze zum Reich der kaledonischen „Barbaren“ rund 160 Kilometer weiter nach Norden zu verschieben und durch einen Holz-Erdwall zu befestigen. Dieser Antoninuswall erstreckte sich an der schmalsten Stelle Schottlands quer durch die schottischen Lowlands und war ebenfalls von römischen Kastellen gesäumt.
Eine der römischen Grenzbefestigungen am östlichen Ende des Antoninuswalls war das Fort von Inveresk. Dort haben Archäologen in den letzten Jahrzehnten Reste von Gebäuden, zahlreiche Alltagsgegenstände von römischen Soldaten und Teile von Pferdegeschirren gefunden. Letztere gelten als Indiz dafür, dass dort wahrscheinlich eine Kavallerieeinheit stationiert war. 2010 entdeckten Forschende in Inveresk sechs römische Gräber.
Geköpfte Tote in einem römischen Grenzkastell
„Bestattungen aus dem römischen Schottland sind schon per se sehr selten. Diese sind jedoch besonders ungewöhnlich, weil vier der sechs hier beigesetzten erwachsenen Männer nach ihrem Tod enthauptet wurden“, erklären Jess Thompson von den National Museums Scotland in Edinburgh und ihre Kollegen. Solche Fälle von postmortalen Enthauptungen wurden in Großbritannien zwar schon häufiger gefunden. Die Toten aus Inveresk sind jedoch die ältesten bekannten und die einzigen bisher in Schottland entdeckten. Warum die Männer nach ihrem Tod geköpft wurden, ist bislang unklar. „Möglicherweise diente dies als eine Form der Bestrafung, stand im Zusammenhang mit den Todesumständen der Person oder war durch religiöse Beweggründe motiviert“, erklären die Archäologen.

Die Osteoarchäologin Jess Thompson untersucht den Schädel des enthaupteten Toten aus dem römischen Fort von Inveresk. — © Duncan McGlynn
Um mehr über die enthaupteten Männer aus dem römischen Grenzkastell herauszufinden, haben sie nun einen der Toten genauer untersucht. Sie unterzogen das Skelett einer anatomischen Untersuchung, analysierten Knochenproben auf DNA und Isotopenverhältnisse hin und baten Chris Rynn, einen Experten für Gesichtsrekonstruktionen, das Gesicht eines der toten Soldaten anhand der Schädelmerkmale möglichst lebensnah nachzubilden. „Dieser interdisziplinäre Ansatz bei der Analyse der menschlichen Überreste ermöglicht es uns, die physischen Merkmale dieser Individuen und ihre Lebensgeschichte besser zu verstehen“, erklärt Thompson. „Wir können erkunden, wo diese Männer herkamen und wie weit sie bis zur Grenze gereist waren und was dort aus ihnen wurde.“
Hartes Leben und weite Reise
Die Untersuchungen der Knochen und Knochenproben ergaben, dass der Mann in der Zeit zwischen 140 und 165 starb und bei seinem Tod rund 50 Jahre alt war. Er war zudem nicht lokaler Herkunft, sondern stammte aus einer mehrere hundert Kilometer entfernten Region im Süden Britanniens. Abnutzungsspuren an den Knochen verraten, dass der Mann ein hartes, von körperlicher Arbeit geprägtes Leben hinter sich hatte. Er erlitt zudem im Laufe seines Lebens mehrere Verletzungen: So war seine Nase gebrochen und wieder verheilt. Am rechten Ellenbogen zeugen starke Knochenwucherungen von einer schweren Wunde, die sich infiziert hatte und eine schwere Knochenentzündung ausgelöst hatte.
Als Folge konnte der Mann seinen rechten Arm nur noch eingeschränkt bewegen, wie Thompson und ihre Kollegen erklären. Sie gehen deshalb davon aus, dass der Mann zum Zeitpunkt seines Todes kein aktiver Soldat mehr war: Er hätte wegen dieser Einschränkung kein Schwert mehr schwingen können. Im Alltag behalf sich der Mann aber offenbar, indem er auch seine Zähne zum Festhalten von Gegenständen nutzte, wie starke Abnutzungserscheinungen an seinen Vorderzähnen verraten.
Dunkle, ergraute Haare und braune Augen
Auf Basis der DNA-Analysen und anatomischen Befunde hat der britische Anthropologe und Rekonstruktionsexperte Chris Rynn das Gesicht des Toten rekonstruiert. Dieser hatte braune Augen und dunkle Haare, war aber seinem Alter entsprechend wahrscheinlich schon ergraut. „Diese Gesichtsrekonstruktion vermittelt mir endlich eine Vorstellung davon, wie einer der Bewohner des römischen Inveresk ausgesehen haben könnte“, sagt Fraser Hunter, leitender Kurator für Vorgeschichte und römische Archäologie an den National Museums Scotland. „Wir können zwar nicht mit Gewissheit sagen, ob er wirklich genau so aussah, aber wir gehen davon aus, dass seine Familie und seine Freunde ihn auf dieser Rekonstruktion wiedererkannt hätten.“
Die Gesichtsrekonstruktion des Mannes wird zusammen mit seinem Schädel und weiteren Funden aus dem Fort von Inveresk in einer Ausstellung der National Museums Scotland präsentiert. Sie veranschaulicht das Leben der Einheimischen und der römischen Soldaten im Grenzgebiet beiderseits des Antoninuswalls.
Quelle: National Museums Scotland





