Die Stadt Troja spielt in den griechischen Sagen eine entscheidende Rolle – allen voran in Homers Werken „Ilias“ und „Odyssee“. Nach diesen war diese Stadt Schauplatz des zehn Jahre dauernden Trojanischen Krieges zwischen den Trojanern unter König Priamos und den Griechen unter Agamemnon. In Homers Werk beendet erst das trojanische Pferd die Belagerung der Stadt und verschafft den Griechen ihren Sieg. Ob dieser sagenumwobene Kriegsschauplatz aber tatsächlich existierte und wo er lag, war jahrhundertelang unklar. Erst Ausgrabungen durch Heinrich Schliemann und nachfolgende Archäologenteams zeigten, dass die Überreste des bronzezeitlichen Troja unter dem Hügel Hisarlık im Nordwesten der Türkei liegen. Seit 2013 erforschen Archäologen der Universität von Çanakkale die Schichten dieses Stadthügels.
Knochenflöte ist erstes in Troja gefundenes Musikinstrument
Jetzt gibt es neue Funde in Troja: Der türkische Kulturminister Mehmet Nuri Ersoy hat von gleich zwei außergewöhnlichen Entdeckungen während der aktuellen Grabungssaison in Hisarlık berichtet. Der erste Fund ist das rund 2800 Jahre alte Fragment einer Knochenflöte. Dieses Vorderende einer Flöte mitsamt Mundstück stammt aus der sogenannten archaischen Schicht des Siedlungshügels. Diese umfasst Siedlungsspuren aus der Zeit von 750 bis 480 vor Christus. Das Besondere daran: „Die aus der archaischen Epoche stammende Knochenflöte ist das erste und bislang einzige Musikinstrument, das in der über 160-jährigen Geschichte der Ausgrabungen in Troja gefunden wurde“, berichtet Ersoy.
Die Knochenflöte ist damit das erste Zeugnis der musikalischen Kultur im alten Troja. Gleichzeitig stammt dieses Musikinstrument aus der Zeit des griechischen Dichters Homer, der in seinem Werk „Ilias“ auch Flötenklänge aus Troja erwähnt: Im zehnten Buch der Ilias lässt Homer den griechischen König Agamemnon nachts über die Ebene vor der belagerten Stadt schauen. Agamemnon sieht dabei nicht nur die vielen Feuer seiner eigenen Truppen, er hört auch Töne von verschiedenen Flöten, die der Wind aus Troja herüberträgt. Wie vieles in Homers Werken ist auch diese Szene fiktiv. Doch es liegt nahe, dass der Dichter die Musik und Instrumente seiner Zeit in sein Werk mit einbaute. Die neu entdeckte Flöte könnte damit auch verraten, welche Instrumente Homer dazu inspirierten.

Die Knochenflöte und der Kopf der 1700 Jahre älteren Figur aus Troja. — © Mehmet Nuri Ersoy / Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus
Eine Götzenfigur aus der frühen Bronzezeit
Die zweite besondere Entdeckung dieser Grabungssaison ist noch einmal 1700 Jahre älter als die Knochenflöte. Es handelt sich um den Kopf einer kleinen menschlichen Figur aus der Zeit um 2500 vor Christus, den die Archäologen in der zweitältesten Siedlungsschicht von Troja fanden. Der Kopf aus der frühen Bronzezeit ist nur wenige Zentimeter hoch und stark stilisiert: Der Schädel ist stark aufgewölbt, die Augen bestehen aus in den Ton gestochenen Vertiefungen und die Nase ist nur angedeutet. Nach Ansicht der Archäologen handelt es sich bei dieser Figur um einen Götzen, eine für religiöse Zwecke verwendete Figur. Solche Skulpturen waren im dritten Jahrtausend vor Christus im westlichen Anatolien weit verbreitet und offenbar auch im bronzezeitlichen Troja in Gebrauch.
Auch dieser Fund ist für Troja eine echte Rarität: „In den 160 Jahren der Ausgrabungen wurden bisher nur drei bis fünf ähnliche Objekte gefunden“, erklärt Ersoy. Diese wurden zudem oft von ihrem Fundort entfernt, bevor Forschende mehr dazu herausfinden konnten. Die neu entdeckte Figur liefert dagegen Informationen über den Fundkontext und könnte so verraten, wo und wie diese kleinen Götzenbildnisse verwendet wurden und woher sie stammten. Denn bisher sei unklar, was diese Figuren repräsentierten und welche Rolle sie im religiösen Leben der Bronzezeit-Trojaner spielten.
Quelle: Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus





