Nach dem Glauben der alten Ägypter ermöglichte erst die perfekte Konservierung des Körpers ein gutes Weiterleben im Jenseits. Um dies zu erreichen, unterzogen Einbalsamierer und Priester die Leichname hochrangiger Toter einer aufwendigen, bis zu 70 Tage dauernden Prozedur. Bei dieser Mumifizierung wurden die inneren Organe entfernt, dann entzog man dem Leichnam mithilfe von Natronsalzen und anderen Trocknungsmitteln die Feuchtigkeit. Pflanzliche Essenzen und ätherische Ölen sollten das Wachstum von zersetzenden Bakterien und Pilzen hemmen.
Proben von Mumien, Tinkturen und „Mumia vera“-Präparaten
Analysen von Mumien haben bereits einige dieser Einbalsamierungszutaten identifiziert, darunter Koniferenharze, pflanzliche Öle, tierische Fette, Bienenwachs und Bitumen. Auch Hinweise auf exotische Pflanzenharze, beispielsweise Elemi oder Dammar, wurden gefunden. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Welche Pflanzenarten verwendeten die Mumienmacher noch? Wie unterschieden sich die Einbalsamierungsrezepturen zwischen verschiedenen Epochen, Regionen und Körperteilen? Und welche der in altägyptischen Schriftquellen beschriebenen Substanzen lassen sich bestimmten pflanzlichen Rohstoffen zuordnen?
Neue Einblicke in die Rezepte der ägyptischen Mumienmacher liefert nun eine Studie von Tim Berger von der Universität Marburg und seinen Kollegen. Sie haben Auswertungen historischer Schriftquellen mit der chemischen Analyse von 24 Proben aus Universitäts- und Museumssammlungen verknüpft. Unter den analysierten Objekten waren Körperteile ägyptischer Mumien und zwei Mumienschädel, außerdem Mumienbandagen, Einbalsamierungsrückstände sowie sieben verschiedene Proben historischer Mumia-vera-Produkte. Diese aus gemahlenen Mumienteilen und Einbalsamierungsmaterial gewonnenen Pulver galten im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit als Medizin.

Diese beiden aus historischen Sammlungen stammenden Behälter enthalten Mumia vera aegyptica – ein Pulver, das aus ägyptischen Mumien und deren Hüllen gewonnen wurde. Diese Arznei sollte gegen eine Vielzahl von Leiden helfen. — © Claudia Sachße
Erster Nachweis von Aloe als Einbalsamierungszutat
Die Analysen ergaben neben bereits bekannten Zutaten der Einbalsamierungsessenzen auch Inhaltsstoffe aus einer bisher noch nicht bei Mumien nachgewiesenen Pflanzengattung: der Aloe. Indiz dafür war der Nachweis mehrere Aloe-spezifischer Moleküle, darunter Aloeresin A und Aloesin. „Dieser Befund ist aus zwei Gründen besonders interessant: Bislang gab es keine vergleichbaren molekularen Nachweise für die Verwendung von Aloe bei der altägyptischen Einbalsamierung“, sagt Co-Autorin Tanja Pommerening von der Universität Marburg. „Gleichzeitig wurde Aloe aber bereits in mittelalterlichen Schriftquellen mit Mumienmaterial in Verbindung gebracht, das als Arzneimittel verwendet wurde.“
Diesen scheinbaren Widerspruch führt Pommerening darauf zurück, dass im Johannesevangelium der Bibel beschrieben wird, dass der Leichnam von Jesus in Leinenbinden mit Myrrhe und Aloe eingewickelt wurde – die könnte die mittelalterlichen Überlieferungen erklären. Zum anderen setzten frühere Analysen häufig Methoden ein, die die aus Aloe stammenden Verbindungen nicht identifizieren konnten, sofern nicht gezielt danach gesucht wurde. „Zweitens sind altägyptische Quellen – wie etwa das Einbalsamierungsritual und Inschriften auf Gefäßen – schwer zu interpretieren, weil viele Bezeichnungen für Substanzen bislang nicht mit Sicherheit übersetzt werden können“, erklären die Forschenden.
Als Berger und seine Kollegen jedoch einige ägyptische Texte noch einmal nach möglichen Verweisen auf Aloe durchsuchten, stießen sie auf die bislang nicht eindeutig übersetzte Substanzbezeichnung ꜥnḫ-jm.j. „Im Buch der Toten und Beschreibungen des Einbalsamierungsrituals steht dieser Begriff in Zusammenhang mit der Behandlung der Sinnesorgane, einschließlich der Augen, Nase und Ohren, in Verbindung“, berichtet das Team. Dies stimme gut mit der anatomischen Herkunft der Proben überein, in denen die Aloe-Verbindungen nachgewiesen wurden. „Unsere neuen Ergebnisse eröffnen damit die Möglichkeit, dass diese Verbindung tatsächlich ältere historische Wurzeln hat“, sagt Pommerening. Aloe könnte demnach nur bei bestimmten Einbalsamierungen oder nur an bestimmten Körperteilen der Mumien genutzt worden sein.
Was steckt in den Mumien-Arzneien?
Interessante Ergebnisse gab es auch bei den Analysen der Mumia-vera-Präparate. Den historischen Beschreibungen zufolge sollten diese Pulver gegen eine Vielzahl von Leiden helfen: „Die in den historischen Dokumenten am häufigsten genannten Anwendungsgebiete von Mumia vera sind Wunden, Knochenbrüche, Blutungen und Verletzungen“, berichten Berger und sein Team. Aber auch gegen Atemwegserkrankungen, Kopfschmerzen, Lähmungen, Epilepsie oder Schüttelfrost sollten diese ägyptischen Wundermittel helfen. Doch was diese Pulver wirklich enthielten und ob sie tatsächlich aus Mumienteilen oder deren Umhüllungen erzeugt wurden, blieb unklar.
Die chemischen Analysen zeigen nun: Obwohl die meisten der Mumia-vera-Proben mehrere Inhaltsstoffe von Nadelbaumharzen enthielten – Substanzen, die von den Mumienmachern typischerweise verwendet wurden – gab es sonst nur wenige Übereinstimmungen. „Die Analyse der kommerziellen Mumia-vera-Proben deutet auf eine erhebliche Heterogenität unter den Produkten hin“, konstatieren Berger und seine Kollegen. Ergänzende Untersuchungen eines der vielversprechendsten Präparate ergaben zudem keine Hinweise auf eine antibakterielle, antifungale insektizide oder zelltötende Wirkung. Einzig gegen Grippeviren zeigte das Präparat im Zellkulturtest einen moderaten Schutzeffekt. Welche Inhaltsstoffe dafür verantwortlich sind, ist jedoch noch ungeklärt.
Vielversprechender Forschungsansatz
Zusammengenommen sehen die Forschenden in ihrem Ansatz eine vielversprechende Methode, um neue Erkenntnisse über historische Naturstoffe und Praktiken zu gewinnen – nicht nur in Bezug auf altägyptische Mumien. „Langfristig möchten wir damit einen Forschungsansatz etablieren, der historische Schriftquellen, archäologische Objekte und moderne Naturstoffanalytik miteinander verbindet“, erklärt Seniorautor Raphael Reher von der Universität Marburg. „Ziel ist es, nicht nur die chemische Zusammensetzung früher Arzneimittel und Einbalsamierungsmaterialien zu untersuchen, sondern auch ihre Herstellung, Verwendung und historische Überlieferung sowie kulturelle Einbettung besser zu verstehen.“
Quelle: Philipps-Universität Marburg; Fachartikel: Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2624362123





