Mehr als 600 Jahre herrschten die Römer über die Iberische Halbinsel. Nachdem sie 206 v. Chr. die konkurrierenden Karthager vertrieben hatten, dauerte es aber noch lange, bis die ansässigen Stämme dauerhaft unterworfen waren. Gelegentlich griffen die Eroberer zu Hinterhalt und Mord.
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In der Verhandlung drängten sich die Schaulustigen. Es war der Sensationsprozess des Jahres. Vor Gericht stand Servius Sulpicius Galba, Patrizier, aufstrebender Politiker mit besten Verbindungen und soeben von einem siegreichen Feldzug in Lusitanien heimgekehrt. Man schrieb das 605. Jahr der Stadt Rom: 149 v. Chr.
Das Verfahren erregte deshalb besonderes Aufsehen, weil Galba schwerste Kriegsverbrechen zur Last gelegt wurden. Zu Anfang des Vorjahres hatte Galba die Lusitanier angegriffen, die sich der Eroberung seit Jahrzehnten widersetzten und selbst immer wieder Vorstöße auf römisches Gebiet unternommen hatten. Immer weiter rückte sein Heer im Westen der Iberischen Halbinsel vor. Man plünderte, raubte und brandschatzte. Das waren nach antikem Verständnis keine Kriegsverbrechen, sondern ganz normale Begleiterscheinungen militärischer Konflikte.
Die Lusitanier schenken Galba Glauben – und bezahlen einen hohen Preis dafür
Doch dann griff Galba zu einer hinterhältigen List: Er setzte sich mit den Stammesführern der Lusitanier an den Verhandlungstisch und bot ihnen Frieden und fruchtbares Land an, wenn sie die Waffen niederlegten. Die Iberer stimmten zu. Sie sollten sich mitsamt ihren Frauen und Kindern an drei von ihm bestimmten Orten einfinden und dort ihre Waffen abgeben. So geschah es. Doch als die waffen- und somit wehrlosen Lusitanier fragten, wo das versprochene Land sei, stürzten sich die Legionäre auf die Krieger und metzelten sie nieder. Frauen und Kinder nahm man gefangen und verkaufte sie in die Sklaverei. Die Beute, munkelte man in Rom, habe sich Galba in die eigene Tasche gesteckt.
In Rom angekommen, sah Galba sich heftigen Angriffen seiner Kollegen im Senat ausgesetzt. Der Volkstribun Libo skandalisierte das Massaker und forderte, die lusitanischen Sklaven von Staats wegen freizukaufen. Cato der Ältere, schon weit über 80, sekundierte und forderte, Galba vor einem Sondergericht anzuklagen. Tatsächlich fand sich Galba schon bald auf der Anklagebank wieder. Er zog sämtliche Register, um sich irgendwie aus der Affäre zu ziehen: Der Massenmörder war ein glänzender Redner, und er war reich wie Krösus. Die Richter konnten sich über größere Geldbeträge freuen, die ihnen diskret überreicht wurden. Als all das nichts fruchtete, zog er vor Gericht eine Schau ab, die Steine hätte erweichen können: Er präsentierte den Richtern seine kleinen Söhne und fragte rhetorisch, ob sie es verantworten könnten, den unschuldigen Kindern ihren Versorger zu nehmen. So zog er am Ende doch noch seinen Hals aus der Schlinge.
Galbas Karriere wurde durch die Episode verlangsamt, komplett gescheitert war sie nicht. Bereits wenige Jahre später erreichte er das Konsulat und damit das höchste Amt. Als Konsequenz aus den Taten Galbas in Iberien richtete der Senat immerhin einen Gerichtshof ein, um Verbrechen römischer Magistrate in den Provinzen besser verfolgen zu können.
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Die Iberische Halbinsel aber kam nicht zur Ruhe. Zum Zeitpunkt des Galba-Prozesses führten die Römer schon seit über 50 Jahren Krieg zwischen den Pyrenäen und der Straße von Gibraltar. 206 v. Chr. hatte Scipio, der spätere Africanus, bei Ilipa über Hasdrubal und Mago gesiegt und die bis dahin in Spanien dominierenden Karthager vertrieben. Zwei neue Provinzen wurden eingerichtet: das „diesseitige“ Spanien im Osten (Hispania citerior) und das „jenseitige“ Spanien (Hispania ulterior) im Westen.
Doch die Unterwerfung der Stämme gestaltete sich schwieriger, als man am Tiber vermutet hatte. Heer um Heer musste der Senat auf die Halbinsel schicken, um den Widerstand zu brechen, General um General wurde in den endlosen Kriegen verschlissen.
Wenig Beute war darin zu holen, aber unzählige Römer und Italiker ließen ihr Leben. Anders als im Osten, wo es die Römer mit großen Reichen zu tun hatten, gab es in Spanien kaum Gegner, die sich den Legionen in offener Feldschlacht entgegenstellten. Die Stämme verwickelten die Römer in zähe Guerillakämpfe, die auf beiden Seiten mit wachsender Erbitterung geführt wurden.
Wenige Jahre nach Galbas Feldzug erschütterte ein großer Aufstand die beiden spanischen Provinzen, der rasch um sich griff. Anführer war Viriathus, einer der wenigen Überlebenden von Galbas Massaker. Bei Tribola in Andalusien und am Berg der Venus in Zentraliberien entschied Viriathus große Schlachten mit jeweils Tausenden von Toten für sich. Später, 146 v. Chr., gelang ihm die Eroberung der wichtigen Stadt Segobriga. 140 v. Chr. musste sogar ein römischer Prokonsul mit Viriathus Frieden schließen. Erst dem Statthalter Caepio gelang es, unter Brechung dieses Friedens und mit List und Tücke, Viriathus aus dem Verkehr zu ziehen.
An der Stadt Numantia beißen sich die Römer lange die Zähne aus
Zum Mittelpunkt des Widerstands gegen Rom wurde in der Folgezeit die nordspanische Stadt Numantia, das Zentrum der Keltiberer. Die Römer hatten 153 und 141 v. Chr. schon zweimal vergeblich versucht, die stark befestigte Siedlung zu erobern. 137 erlitten 20 000 römische Soldaten unter dem Prokonsul Hostilius Mancinus eine schwere Niederlage vor der Stadt. Anfang 134 übernahm Scipio Aemilianus, der Sieger über Karthago im Dritten Punischen Krieg, das Oberkommando. Im Herbst schloss er den Belagerungsring um Numantia. Die Stadt widerstand 13 lange Monate, musste aber schließlich kapitulieren. Scipio ließ die Überlebenden in die Sklaverei verkaufen und die Stadt dem Erdboden gleichmachen.
Mit der Eroberung Numantias war die Zeit der großen Kriege vorbei. Allerdings war die Intensität, mit der das Imperium herrschte, höchst ungleichmäßig über die Fläche verteilt: Die Romanisierung erfasste zuerst die größeren Siedlungen, in deren Umfeld die Römer neue Städte errichteten, besonders in den küstennahen Regionen im Osten und Süden. In den Rückzugsgebieten im Bergland und im Westen war die Pax Romana kaum zu spüren, und immer wieder erschütterten Aufstände das Land.
Im gesamten 1. Jahrhundert tobten im Mittelmeerraum außerdem Bürgerkriege, in die auch Spanien hineingezogen wurde: 83 v. Chr. führte Sertorius Iberien in die Rebellion gegen Sulla, der sich in Rom durchgesetzt hatte und vier Jahre lang als Diktator herrschte. Sertorius machte die Halbinsel zu einem alternativen Rom, mit einem Gegensenat aus geflüchteten Sulla-Gegnern und Gegenmagistraten. Sieben Jahre Krieg und zwei Feldzüge brauchte Rom, um mit Sertorius fertigzuwerden.
49 und 45 v. Chr. war Spanien dann Schauplatz von Kämpfen zwischen Caesar und den Anhängern des Pompeius. Die Schlacht bei Munda am 17. März 45 war die letzte und blutigste Schlacht des Bürgerkrieges: Hier metzelten Caesars Legionen rund 30 000 ihrer Mitbürger nieder. Nach dem Sieg war Caesar unangefochtener Alleinherrscher – wenn auch nur für ein Jahr, denn an den Iden des März 44 v. Chr. wurde er ermordet.
Wie das Imperium insgesamt kam auch die Iberische Halbinsel unter Augustus allmählich zur Ruhe. Unterbrochen wurde sie nur durch einen Krieg, den Augustus gegen die Asturer und Kantabrer im äußersten Nordosten der Halbinsel führte (26 –16 v. Chr.). Am Ende dieses Krieges war Spanien tatsächlich vollständig unterworfen, der letzte Widerstand gegen Rom gebrochen. Augustus teilte die Provinz Hispania citerior in einen fortan Baetica genannten Süden und in die nördliche Provinz Lusitania, so dass Spanien nunmehr aus drei Provinzen bestand.
Das Imperium war kein einheitlicher Territorialverband, sondern de facto eine Föderation autonomer Städte. Das hieß auch: Der römische Adler brauchte Städte, an die er staatliche Aufgaben delegieren konnte, um effektiv herrschen zu können. In Griechenland, im Orient und auch in Nordafrika traf Rom bei der Eroberung auf gewachsene Stadtsysteme, im Westen und Norden, in Spanien und Gallien, später auch in Germanien und Britannien, waren urbane Siedlungen dagegen, wenn überhaupt, nur rudimentär vorhanden.
Auf der Iberischen Halbinsel beschränkten sich städtisch verdichtete Räume auf küstennahe Gebiete im Süden und Westen, wo Phönizier und Griechen seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. Kolonien gegründet und wo später die Karthager Fuß gefasst hatten. Im Landesinneren gab es Oppida, Siedlungen der kelt-iberischen Bevölkerung, die durchaus – wie Numantia – befestigt sein und eine Größe von mehreren tausend Einwohnern erreichen konnten, aber nicht über eine städtische Selbstverwaltung verfügten.
Der ersten Veteranenstadt Itálica folgen weitere Neugründungen
Die erste römische Neugründung ließ nach der Vertreibung der Karthager nicht lange auf sich warten. Bereits 206 v. Chr. entstand in Südspanien Itálica (das heutige Santiponce bei Sevilla). In der Stadt ließen sich Verwundete und Veteranen des Zweiten Punischen Krieges nieder. Dass der Name an die Heimat der Siedler erinnerte, war gewiss kein Zufall. Itálica sollte ein Stück Italien in der Fremde sein, und den dort angesiedelten Veteranen war auch die Rolle zugedacht, über den römischen Frieden zu wachen.
Eine Generation später folgte im Norden die Stadt Gracchuris (Alfaro, La Rioja), eine Gründung des Prokonsuls Gracchus, und wenige Jahre darauf Carteia (El Rocadillo bei Algeciras), wo rund 4000 römische Veteranen mitsamt ihren einheimischen Frauen angesiedelt wurden. Zum Modellfall wurde dann 152/51 v. Chr. die Gründung von Corduba (Córdoba) durch den Prokonsul Marcellus. Die neue Stadt lehnte sich eng an ein iberisches Oppidum an, das bis dahin
dem Statthalter der Hispania ulterior als Sitz gedient hatte und dessen Bevölkerung nun in die neue Stadt umgesiedelt wurde.
Ausgrabungen haben die Dimensionen der Siedlung ans Licht gebracht: Die direkt nach der Gründung errichtete Stadtmauer umschloss ein Gebiet von rund 42 Hektar. Am Kreuzungspunkt der Hauptstraßen Cardo und Decumanus erstreckte sich das Forum, an dem sich eine als Gerichtsgebäude genutzte Basilika und eine Säulenhalle befanden.
Im Süden des Stadtgebiets stießen Archäologen auf ein Wohnviertel des 2. Jahrhunderts v. Chr.: Die aus Bruchsteinen errichteten, mit Stroh gedeckten Häuschen werfen ein Licht auf den bescheidenen Lebensstandard der Bewohner in dieser frühen Zeit. Er wird sich kaum grundlegend von dem der Einheimischen unterschieden haben. Corduba verfügte aber bereits über einen Hafen, der die Stadt über den Guadalquivir an den Flusshandel anschloss.
Dieses erste Corduba wurde 45 v. Chr. nach der Schlacht bei Munda von Caesars Truppen belagert und zerstört. Noch von Caesar zur römischen Bürgerkolonie erhoben, wurde Corduba zur boomenden Metropole, als Augustus an diesem Ort die Veteranen seines Spanienkrieges ansiedelte und die Statthalter der Baetica in ihren Mauern ihre Residenz aufschlugen.
Tarraco, der Statthaltersitz der Hispania citerior, entstand anstelle eines keltiberischen Oppidums, das den Römern bereits im Zweiten Punischen Krieg als Nachschubbasis gedient hatte. In dieser Zeit wuchs auch schon ein erster Mauerring heran, der um 150 v. Chr. erheblich erweitert und verstärkt wurde. Kernstück der Stadt war der Hafen, von dem aus Italien in wenigen Tagen erreichbar war.
Darüber erhob sich auf mehreren Terrassen die Stadt mit ihrem für römische Städte charakteristischen rechtwinkligen Straßenraster. Während seines Spanienkrieges bezog Augustus mehrfach Quartier in Tarraco, das so in den Genuss großzügiger Förderung kam und in den Rang der Provinzhauptstadt erhoben wurde.
Emerita, das heutige Mérida, steigt später zum Statthaltersitz auf
25 v. Chr. gründete der Statthalter Publius Carisius im Auftrag des Augustus in der heutigen Extremadura die Bürgerkolonie Emerita Augusta (heute Mérida). Angesiedelt wurden hier, wie Münzen belegen, Veteranen der V. Legion Alaudae und der X. Legion Gemina, die im Spanienkrieg gekämpft hatten. Wieder einmal war der Name Programm: emeritus bedeutet „verdient“, aber auch „aus dem Dienst entlassen“. Die Veteranen wurden nach 20 Jahren treuen Dienstes unter dem römischen Adler mit Landgütern belohnt und gehörten zum Gründungszeitpunkt der Kolonie zur lokalen Elite.
Obendrein wurde die Stadt mit dem ius Italicum ausgestattet: Wie die Städte Italiens war sie steuerbefreit, die Bewohner konnten ihren Grund und Boden frei verkaufen. Mit der Gründung der neuen Provinz Lusitania stieg Emerita zum Statthaltersitz auf.
Das Stadtbild hat sich bis heute gut konserviert. Über 56 Bögen und 792 Meter führt der noch in die Gründungsphase der Kolonie datierende Puente Romano bis heute über den Fluss Guadiana. Es handelt sich um die größte erhaltene Brücke der Antike.
Weiter nördlich führt eine zweite, 145 Meter lange Brücke über den Albarregas. Ebenfalls auf die Zeit der Stadtgründung geht der sogenannte Diana-Tempel zurück, ein großes korinthisches Heiligtum, das an das antike Forum grenzte. Dieser Platz ist von einer prächtigen Säulenhalle aus Marmor gesäumt, in der Ehrenstatuen prominenter Bürger aufgestellt waren.
Am Rand der römischen Stadt befinden sich das Theater, das von Augustus’ Freund Marcus Agrippa gestiftet wurde, sowie ein 8 v. Chr. erbautes Amphitheater. Den Cardo, die Hauptachse der Stadt, überspannt ein Triumphbogen für Kaiser Trajan, der selbst aus Spanien stammte – vermutlich aus Itálica. Von einem Stausee zehn Kilometer nördlich von Emerita führte ein größtenteils unterirdisch verlaufender Aquädukt Wasser in die Stadt. Die Staumauer steht noch immer. Sie misst 427 Meter in der Länge und stolze zwölf Meter in der Höhe.
Die römische Siedlungstätigkeit veränderte nicht nur Landschaftsbild und Demographie, sondern auch die Sozialstruktur der Iberischen Halbinsel von Grund auf. Die absolute Zahl der Siedler aus Italien wird beträchtlich gewesen sein – mit Sicherheit im höheren fünfstelligen Bereich. Der Zustrom war aber gemessen an der einheimischen Bevölkerung relativ gering.
Die Kolonisten bringen kulturelles und ökonomisches Kapital
Was den Neuankömmlingen aus Italien – in der großen Mehrheit Männern – so große Wirkungsmacht gab, das war ihr ökonomisches und kulturelles Kapital: Als Soldaten hatten sie zur einzigen Gruppe im Reich gehört, die über ein regelmäßiges Einkommen verfügte; als Veteranen hatte man sie für ihre Dienste großzügig mit Land abgefunden; als Römer brachten sie einen Lebensstil und nicht zuletzt technologische Annehmlichkeit auf die Halbinsel, die sie zu Objekten der Bewunderung für die einheimische Bevölkerung machten.
Von städtischen Zentren wie Corduba und Emerita ging eine Sogkraft auf die Provinzen aus, die bis heute in den Monumenten der Epoche erlebbar ist. Die Romanisierung der Iberischen Halbinsel ist eine Erfolgsgeschichte, die für die Bewohner die blutige Zeit der Eroberung und selbst Untaten wie Galbas Massaker vergessen machte.
Trajan, der erste Spanier, der im Jahr 98 den kaiserlichen Purpur anlegte, ist Kronzeuge für diesen Erfolg. Über 600 Jahre hielt die Herrschaft
des Imperiums. Sie war so nachhaltig, dass die zivilisatorische Prägung durch Rom auch die Stürme der Völkerwanderung, von denen Spanien im 5. Jahrhundert getroffen wurde, danach die jahrhundertelange Herrschaft der Araber überdauerte – und noch immer deutlich spür- und erlebbar ist.
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