Der Fundort Eynan-Mallaha im Norden Israels liefert bereits seit 1955 immer wieder Einblicke in die Welt der Menschen der sogenannten Natufien-Kultur. Es handelte sich dabei um die letzten Jäger und Sammler der Region, bevor sich in der Levante der Ackerbau durchsetzte. Wie das Team um Laurent Davin von der Hebräischen Universität von Jerusalem berichtet, wurden in den Siedlungsschichten von Eynan-Mallaha in den letzten Jahren zahlreiche Vogelknochen entdeckt, die auf die Zeit von 10.730 bis 9760 v. Chr. datiert wurden. Sie stammten mehrheitlich von Wasservögeln, denen die Menschen damals offenbar nachstellten.
Kleine Knochen mit Löchern und Mundstücken
Bei einer genaueren Untersuchung der Funde identifizierten die Archäologen allerdings nun sieben Vogelknochen, bei denen es sich wohl nicht um Reste von Mahlzeiten handelt: Ein vollständiges und sieben fragmentarisch erhaltene Objekte zeigen charakteristische Bearbeitungsspuren. In die langen hohlen Strukturen waren Löcher geschnitten worden sowie Elemente, die das Forscherteam als Mundstücke interpretiert. Es handelte sich ihnen zufolge also um Blasinstrumente. Es sind zwar aus Europa bereits deutlich ältere Flöten bekannt, doch was die Levante betrifft, sind die Funde nun die frühesten Beispiele für sogenannte Aerophone, berichten Davin und seine Kollegen.
Auffällig erscheint, dass die Menschen offenbar gezielt kleine Knochen für den Bau der Flöten verwendet haben. Denn es handelt sich um nur etwas über sechs Zentimeter lange Flügelknochen kleinerer Wasservögel. Die größeren Gänseknochen, die am Fundort ebenfalls zu finden sind, wurden überraschenderweise nicht zu Instrumenten verarbeitet. Hinweise, was es mit dieser Auswahl auf sich gehabt haben könnte, lieferte dann ein experimenteller Ansatz: Die Wissenschaftler fertigten eine Kopie einer der steinzeitlichen Flöten an, um zu klären, wie die Instrumente einst geklungen haben könnten.
Charakteristisch hohe Töne
Wie sie berichten, erzeugte die Nachbildung beim Hineinblasen sehr hohe Töne, die durch das Bedecken der Löcher variiert werden konnten. Den Forschern zufolge ähnelt das Geräusch in charakteristischer Weise den Rufen von in der Region beheimateten Raubvögeln: Turmfalken und Sperbern. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die pfeifenartigen Blasinstrumente gezielt die Laute dieser Tiere imitieren sollten.
Doch welchem Zweck könnten solche Raubvogel-Flöten gedient haben? Aus weiteren Funden in Eynan-Mallaha geht zumindest klar hervor, dass Turmfalken und Sperber eine spezielle Bedeutung für die Menschen der Natufien-Kultur besaßen: Es wurden zahlreiche Krallen dieser Tiere gefunden, die möglicherweise als Werkzeuge oder als Schmuck genutzt wurden. Es erscheint demnach denkbar, dass die Menschen die Raubvögel mit dem Klang der Flöten anlockten, um sie leichter jagen zu können.





