Im 5. Jahrtausend v. Chr. bildete die Elbe eine Grenze zwischen mittel- und jungsteinzeitlichen Kulturen. Während die eine Kultur noch Robben und Wildschweine an der westlichen Ostseeküste jagte, lebte die andere südlich der Elbe schon von Ackerbau und Viehzucht. Auch in vielen anderen Gebieten Europas gab es zu jener Zeit benachbarte Bevölkerungsgruppen mit großen Entwicklungsunterschieden. Jahrzehntelang wurde in Archäologie, Kulturwissenschaften und verwandten Fächern diskutiert, ob die Angehörigen der so unterschiedlich entwickelten Kulturen direkten Kontakt hatten.
Die Kieler Forschenden Dr. Ben Krause-Kyora und Professorin Almut Nebel vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität berichten im Fachblatt “Nature Communications” (online), dass Mitglieder der nordelbischen Ertebolle-Kultur schon um 4600 v.Chr. Hausschweine besaßen, obwohl sie als Jäger und Sammler noch nicht mit der Viehzucht vertraut waren. Sie erhielten die Tiere von Angehörigen der weiter entwickelten, bereits landwirtschaftlich aktiven jungsteinzeitlichen Kulturen südlich der Elbe, schlussfolgert Krause-Kyora. “Damit können wir belegen, dass es im Norden direkten Kontakt zwischen Jägern und Sammlern einerseits und Bauern andererseits gab.” Auch evolutionsbiologisch seien die neuen Erkenntnisse bedeutend: “Sie geben wichtige Hinweise, wie Haustiere nach Norddeutschland kamen und wie die frühen Phasen der Domestikation abliefen.”
Das Forschungsteam untersuchte die alte DNA (aDNA) aus Knochen und Zähnen von insgesamt 63 Schweinen, die bei archäologischen Ausgrabungen in Nord- und Mitteldeutschland gefunden worden waren. Die molekulargenetischen Arbeiten wurden im aDNA Labor der Graduiertenschule Human Development in Landscapes durchgeführt. Die Analyse der ausschließlich über die mütterliche Linie vererbbaren mitochondrialen DNA ergab, dass drei Tiere aus ehemaligen Ertebolle-Siedlungen in Grube-Rosenhof (Ostholstein) und Poel (Mecklenburg-Vorpommern) ein genetisches Profil aufwiesen, das es bei wildlebenden nordeuropäischen Artgenossen nicht gibt und das ursprünglich aus dem Nahen Osten stammt. Dies belegt, dass die drei Ertebolle-Tiere mütterlicherseits nahöstliche Vorfahren hatten – ebenso wie die Hausschweine der jungsteinzeitlichen Nachbarn, die in den vorhergehenden Jahrtausenden mit den sich ausbreitenden Ackerbauern und Viehzüchtern aus dem so genannten Fruchtbaren Halbmond (heute Syrien, Türkei, Irak) ins Gebiet südlich der Elbe gekommen waren.
“Eines der drei Tiere – wir haben es E24 getauft – weist darüber hinaus ein helles Fell mit schwarzen Flecken auf – ein typisches Merkmal domestizierter Schweine”, erläutert Ben Krause-Kyora die Zuordnung als Hausschwein. Die Veränderung der Fellfarbe lässt sich per Genanalyse des Melanocortinrezeptors 1 (MC1R) in der aDNA bestimmen. “Wildschweine tragen ein unauffällig graues Fell, das in der Natur gute Tarnung bietet”, sagt Almut Nebel. Möglicherweise sei die Fellfarbe ein Grund für die Ertebolle-Menschen gewesen, solche Tiere besitzen zu wollen: “Diese Tiere mit der neuen Fellfarbe fielen auf, die Menschen kannten seit Jahrtausenden nur graue Wildschweine”, erklärt Nebel, “und es ist denkbar, dass diese ‚neue Mode‘ so begehrt war wie heute das neueste Smartphone.”





