Seit gut zwei Jahrzehnten führen Archäologen im Mugello-Tal nordöstlich von Florenz Ausgrabungen durch. Dort, in Poggio Colla, lag vor rund 2500 Jahren eine Siedlung der Etrusker, des noch immer in Teilen rätselhaften Volkes, das vor Beginn der Römerzeit im nördlichen Mittelitalien lebte. Die meisten Zeugnisse über die Kultur der Etrusker stammen aus etruskischen Nekropolen (Totenstädten), bis auf einzelne Worte auf Grabsteinen sind jedoch kaum Texte oder Schriften dieses Volks erhalten.
Stelenfund im Tempelfundament
Ein Forscher-Team des Mugello Valley Archeological Project um Grabungsleiter Gregory Warden von der Southern Methodist University in Dallas hat nun im Fundament eines etruskischen Tempels eine Sandsteinplatte entdeckt, die eine Inschrift trägt. Die Steinplatte ist 60 Zentimeter breit und 1,20 Meter hoch. Auf ihrer Vorderseite sind mindestens 70 eingravierte Buchstaben und Satzzeichen zu erkennen, wie die Forscher berichten.
Datierungen nach stammt diese Platte aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Sie muss daher aus der Zeit vor Errichtung des monumentalen Steintempels stammen. Die Archäologen vermuten, dass die Stele einst Teil eines hölzernen Tempelgebäudes war und dort prominent ausgestellt wurde. “Die Stele muss damals ein imposantes und monumentales Symbol der Autorität gewesen sein”, sagt Warden.
Ungewöhnlich lange Inschrift
Besonders spannend an diesem Fund ist jedoch die für etruskische Verhältnis ungewöhnlich lange Inschrift. “Längere Inschriften sind bei den Etruskern sehr selten, vor allem in dieser Länge”, erklärt Warden. Denn meist nutzten die Etrusker für ihre Texte vergängliches Material wie Wachstafeln oder Pflanzengewebe. Als Folge ist kaum etwas von ihrer Sprache und Schrift erhalten.
“Wir wissen zwar, wie die etruskische Grammatik funktioniert, wie ein Verb aussieht oder ein Objekt und kennen einige Wörter”, so Warden. Es sind aber nur wenige schriftlich überlieferte Inhalte erhalten. “Diese Inschrift könnte neue Wörter enthalten, die wir nie zuvor gesehen haben – auch weil sie nicht im Umfeld eines Grabes oder einer Nekropolis entstand.”
Einblick in etruskische Religion
Noch muss die Platte gereinigt werden, bevor Experten für etruskische Schrift sich an die Entzifferung machen können. Die Archäologen hoffen aber, aus der Inschrift mehr über das religiöse Leben dieser Kultur zu erfahren. Denn abgesehen von einem Heiligtum in Pyrgi an der Küste nördlich von Rom und dem Fundort der Stele im Mugello-Tal sind nur wenige etruskische Tempel bekannt.
“Wir hoffen, dass diese Stele uns den Namen der Gottheit oder Göttin verraten wird, die an diesem Ort verehrt wurde”, sagt Warden. Denn er und seine Kollegen vermuten, dass es sich bei der Inschrift um einen religiösen Text handeln könnte. “Er könnte uns mehr über das frühe Glaubenssystem dieser verlorenen Kultur verraten, die für die westlichen Traditionen so fundamental wichtig war”, so der Forscher.





