Regensburg, die alte Römerstadt am nördlichsten Punkt der Donau, schmückt sich mit vielen Attributen, die auf die Einzigartigkeit ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrer Altstadtsilhouette hinweisen sollen. „Mittelalterliches Wunder“ oder „einzig erhaltene Großstadt des Mittelalters“ nennt man sie wegen des fast unversehrten mittelalterlichen Altstadtensembles mit den eindrucksvollen Geschlechtertürmen und Patrizierburgen. Bei der Bewerbung Regensburgs um die Wahl zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 wurde zunächst ebenfalls das Attribut „einzigartige mittelalterliche Stadt“ gegenüber den Mitkonkurrenten in den Vordergrund gestellt. Doch bald darauf gesellte sich dazu ein zweites Schlagwort, das bisher innerhalb der Bürgerschaft und bei den Touristen nur sehr vage durch den Reichstagssaal und das Reichstagsmuseum im Alten Rathaus im Gedächtnis haften geblieben war: Regensburg als „Stadt des Immerwährenden Reichstags“ und Sitz des ersten deutschen Ständeparlaments.
Das mittelalterliche deutsche Reich war ein Reich ohne Hauptstadt. Staatliche Herrschaft und staatliche Verwaltung konnten daher nicht von einem festen Regierungszentrum ausgeübt werden. Das mittelalterliche Reich basierte auf der persönlichen Beziehung zwischen den Lehnsmännern und dem König bzw. Kaiser als oberstem Lehnsherrn. Diese persönliche Ausübung der Königsherrschaft brachte es mit sich, daß der Herrscher in seinem Reich nahezu ohne Unterlaß umherziehen mußte, um die Huldigungen seiner Vasallen entgegenzunehmen. Dazu suchte der König verschiedene Orte von überregionaler Bedeutung auf, die zum einen den reisenden König samt Gefolge verköstigen und beherbergen, zum anderen die Versammlungen mit den Großen einberufen konnten. Regensburg gehörte seit dem Mittelalter zu diesen Vororten des Reichs und nahm unter diesen eine herausragende Stellung ein.
An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit erinnerte sich Kaiser Maximilian I. an die „königliche“ oder „kaiserliche Stadt“. Der kaiserliche Diplomat und Dichter Riccardo Bartolini bezeichnete sie damals sogar als „Stadt des Königs“. Vor diesem Hintergrund nahm vor allem sein Enkel Kaiser Karl V. die Tradition der mittelalterlichen Reichsversammlungen in Regensburg wieder auf. Erstmals im Jahr 1532 wurde der Reichstag, die Versammlung der Großen des Reiches in Anwesenheit des Kaisers, wieder in die Donaustadt einberufen. Seit 1556/57 schrieb man die Reichstage mit Vorliebe, von 1594 an ausschließlich, nach Regensburg aus.
Die Gründe für diese allmähliche Monopolisierung der Reichstage in Regensburg dürften vielschichtig sein, sich auch im Lauf der Jahrhunderte schwerpunktmäßig etwas verschoben haben. Hatte Kaiser Karl V. wegen der engen Bindung an sein Geburtsland, die Spanischen Niederlande, zunächst noch die benachbarten rheinischen Reichsstädte oder in Süddeutschland Augsburg als Ort der Reichsversammlungen favorisiert, so sah sein Bruder Ferdinand I. als Nachfolger auf dem Kaiserthron die habsburgischen Interessen besser in Regensburg aufgehoben. Die Reichsstadt galt als „habsburgisch“ und als Pfahl des Reiches im bayerischen Territorium der Wittelsbacher.





