Ländereien als Dank vom König
Der spanische Conquistador Hernan Cortés ist für seine Eroberung und Zerstörung des Aztekenreichs in Mexiko berüchtigt. Im Jahr 1519 landete er mit elf Schiffen an der Küste von Yucatan und gründete dort zunächst eine spanische Kolonie, um dann später die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan und schließlich das gesamte Aztekenreich für Spanien zu erobern.
Zum Dank für seine Verdienste erhielt Cortés vom spanischen König ausgedehnte Ländereien im heutigen Mexiko. Das als Marquesado del Valle de Oaxaca bezeichnete Gebiet war gut 11.000 Quadratkilometer groß und reichte von Oaxaca über Veracruz, Morelos bis nach Michoacán. Um den Wert dieser Ländereien zu erfassen, ordnete Cortés vermutlich, wie damals üblich, eine Art Volkszählung und Bestandaufnahme an – auch um zu wissen, welche Steuern er erheben konnte.
Verschollen und wiedergefunden
Dieser Bericht war, das entsprach den Gepflogenheiten der Zeit, zwar in der Azteken-Sprache Nahuatl verfasst, wurde aber nicht mit aztekischen Symbolen geschrieben. Stattdessen nutzten die wahrscheinlich einheimischen Schreiber die von den Spaniern eingeführten lateinischen Buchstaben. Der Volkszählungsbericht zum Marquesado del Valle de Oaxaca ist damit der wahrscheinlich älteste bekannte Azteken-Codex in Nahuatl, aber mit lateinischer Schrift.
Über die Jahrhunderte hinweg blieb dieser Codex erhalten und gelangte auf bisher nicht bekannten Wegen im 19. Jahrhundert nach Deutschland. Dort wurde er in der königlich-preußischen Bibliothek in Berlin aufbewahrt. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs jedoch gelangte der Codex zunächst nach Schlesien und ging dann ganz verloren. Erst jetzt haben Forscher der Jagiellonen-Universität in Krakau diesen wertvollen Codex aus der Zeit von Hernan Cortés im Archiv ihrer Bibliothek wiederentdeckt.
Steuern auf Mais, Eier und Kakao
Die Wiederentdeckung des Dokuments gibt den Wissenschaftlern nun erstmals die Gelegenheit, den Bericht aus der Ära von Hernan Cortés zu studieren. Wie sie berichten, enthält der Codex Informationen über die genaue Lage und Größe jedes Dorfs in den Ländereien des Conquistadors. Im Durchschnitt lebten demnach 200 bis 250 Menschen in jeder Siedlung. Der Codex enthüllt zudem, dass entgegen den Berichten der damaligen Missionare keineswegs die gesamte Bevölkerung schon christianisiert war: In der Regel waren nur die Kinder getauft.
Die Aufstellung der “Volkszählung” berichtet auch darüber, welche Erträge die Bauern einbrachten, wie viel Nahrung sie und ihre Familien konsumierten und wie viel Steuern sie zahlen mussten. Aus dem Dokument geht erstmals hervor, dass damals auch auf Mais, Eier und Kakao eine Steuer erhoben wurde. Von allen Steuern ausgenommen waren jedoch die Angehörigen des aztekischen Adels. Von ihnen erwarteten die spanischen Eroberer im Gegenzug, dass sie die örtliche Bevölkerung unter Kontrolle und gefügig hielten.





