Viele Zeitzeugen des Holocausts und der NS-Zeit sind inzwischen gestorben – umso wichtiger ist es, ihre Zeugnisse für die Nachwelt zu bewahren. Der Erste, der dieses Ziel verfolgte, war der US-amerikanische Sozialpsychologe David P. Boder. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs sah er die schockierenden Bilder aus den befreiten Konzentrationslagern, vermisste dabei aber die Stimmen als Zeugnisse der Überlebenden.
Einzigartige Zeitzeugenberichte
Deshalb reiste Broder im Sommer 1946 nach Europa und führte über 100 Interviews mit sogenannten Displaced Persons – den durch Krieg, NS-Verfolgung und Konzentrationslager ihrer Heimat beraubten Überlebenden. So schnell wie möglich wollte er diese entwurzelten Menschen zu ihren persönlichen Erlebnissen im Krieg befragen und ihre Erzählungen für die Nachwelt bewahren. Die Stimmen der Überlebenden speicherte er auf 200 Drahtton-Spulen. Aus den mehr als 90 Stunden der Interviews entstand die weltweit erste Sammlung von Audio-Interviews von Überlebenden der Shoah.
Doch das Ziel Boders, diese Interviews zu veröffentlichen, scheiterten größtenteils. Im Jahr 1961 vermachte er einen Teil der Aufnahmen mehreren Bibliotheken in den USA, darunter auch der Library of Congress. Doch nach seinem Tod im selben Jahr geriet die einzigartige Sammlung in Vergessenheit, die Stimmen der Überlebenden blieben jahrzehntelang ungehört. Erst ab 1998 begannen US-Historiker im Rahmen des Projekts “Voices of the Holocaust” damit, die Aufzeichnungen zu digitalisieren und die Zeitzeugen-Interviews nach und nach online zu stellen. Sie sind heute frei im Internet abrufbar.
Plattform für Erkenntnisse und Fragen rund um die Interviews
“Mit den Stimmen der Displaced Persons aus dem Sommer 1946 – aufgenommen vor 75 Jahren – ist eine einzigartige Interview-Sammlung erhalten geblieben”, sagt Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. “Bislang ist sie recht unbekannt, dabei steckt in Boders Archiv großes Potenzial für die historisch-politische Bildung.” Um die Bekanntheit der Interviews zu fördern und mehr über ihren Hintergrund publik zu machen, haben der Historiker Axel Doßmann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seine Berliner Kollegin Lisa Schank nun ein Weblog initiiert und ins Netz gestellt, das fundiertes Wissen rund um die Zeitzeugen-Interviews bietet.
Mit dem Weblog “Fragen an Displaced Persons: 1946 und heute” soll auch Neugier geweckt werden: Was waren Boders Fragen an die Überlebenden? Wie sprachen diese – jüdischen und nicht-jüdischen – Menschen ein Jahr nach Kriegsende über ihre Familien, über Gewalt, Zwangsarbeit, Deportation, über Leben und Tod in Ghettos und KZs? Was erwarteten sie von der Zukunft? Zugleich soll gefragt werden, wie heutige Menschen diese lebensgeschichtlichen Deutungen einordnen. Auch Erkenntnisse über das Nachleben der einstigen Displaced Persons wollen die Forschenden auf dieser Plattform teilen.





