Als der persische Großkönig Xerxes im Morgengrauen des 28. September 480 v. Chr. (nach anderen Quellen am 24. September) von einer nahen Anhöhe auf die Bucht von Salamis blickte, erwartete er einen schnellen Sieg seiner Flotte. Es wäre der würdige Abschluss einer Invasion gewesen, die Xerxes vom Bosporus aus nach Mittelgriechenland geführt hatte. Doch es kam anders: Die persischen Schiffe trafen auf einen Gegner, der selbst zum Angriff überging. Die folgende Seeschlacht dauerte einen Tag und brachte den Persern erhebliche Verluste: Ein Jahr später zog sich Xerxes aus Griechenland zurück.
Aus Sicht der Griechen war die Seeschlacht von Salamis der Wendepunkt des Krieges, für die modernen Historiker ist Salamis die berühmteste Seeschlacht der Antike. Was jedoch genau in den Tagen des späten September geschah, ist bis heute unklar. Wir kennen nur die griechische Seite, persische Aufzeichnungen sind verloren. Aischylos, der die Schlacht als Augenzeuge miterlebt hat, verarbeitete das Geschehen in seiner Tragödie „Die Perser“. Er nahm dabei bewusst die persische Perspektive ein, doch ist der Bericht des persischen Boten in Susa zu lückenhaft, als dass man ihn allein zur Grundlage einer soliden Rekonstruktion erheben könnte. Ergänzend tritt die rund eine Generation später verfasste Geschichte Herodots über die Perserkriege hinzu. Herodot dürfte Augenzeugen befragt, lokale Aufzeichnungen eingesehen sowie den Ort des Geschehens aufgesucht haben. Herodot war jedoch kein Feldherr, und er wollte auch keine umfassende militärische Analyse des Geschehens vorlegen, zumal er die Version des Aischylos als bekannt voraussetzte. Er wollte den Nachweis erbringen, dass die Athener und ihr Feldherr Themistokles mit der Entscheidung, den Persern zur See entgegenzutreten, Hellas gerettet hatten. Deshalb hat er manche Phasen des Kampfgeschehens weggelassen oder verkürzt wiedergegeben. Insbesondere fehlen bei ihm wie bei Aischylos konkrete Angaben über die taktischen Pläne beider Seiten. Dies gilt auch für einen anderen Überlieferungsstrang, der von dem griechischen Autor Ephoros von Kyme bewahrt wurde und uns gebrochen bei dem Historiker Diodor aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. vorliegt. Er bietet zusammen mit der von Plutarch im 2. Jahrhundert n. Chr. verfassten Biographie des Themistokles zusätzliche Informationen, die von der Forschung nach kritischer Prüfung zur Vervollständigung des Bildes herangezogen werden.
Ein Manko bleibt: Bei allem Bemühen um Objektivität haben die griechischen Autoren den Erfolg ihrer Landsleute zu einem weltgeschichtlichen Fundamentalereignis erhoben. Die Perser sahen dies anders. Sie zogen mit dem Selbstverständnis einer Supermacht in den Krieg, für die Griechenland nur ein Objekt ihrer Expansion in alle Weltgegenden war. Was für die Griechen zum epochalen Gründungsmythos des eigenen Selbstverständnisses wurde, konnte der Perserkönig achselzuckend als einen Grenzkonflikt interpretieren, der seinen Weltherrschaftsanspruch nicht erschütterte.
Doch so weit dachten die persischen Planer am Abend des 27. September nicht. Die Gesamtlage war günstig. Ihre Landarmee beherrschte Mittelgriechenland fast bis zum Isthmus von Korinth. Die Zahl der abwehrwilligen griechi‧schen Städte war nach dem Durchbruch durch den Thermopylen-Pass sowie dem Fall der spartanischen Elitetruppen unter Leonidas und seiner Verbündeten dramatisch gesunken. Die Einnahme und Plünderung Athens drängte die Griechen endgültig in die Defensive und erschütterte das Ansehen des athenischen Strategen Themistokles. Niemand wollte seinem Vorschlag folgen, sich der persischen Flotte entgegenzustellen. Zwar hatte die griechische Flotte den Persern bei Artemision (nördlich von Euböa) ein unentschiedenes Gefecht geliefert und der Windgott Boreas zahlreiche gegnerische Schiffe vernichtet. Doch war die persische Invasionsflotte zahlenmäßig überlegen, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie es die griechische Überlieferung darstellt. Viel wichtiger aber war, dass sie von Kapitänen gelenkt und von Mannschaften gerudert wurden, die weitaus größere Erfahrung in der taktischen Kunst des Seekrieges besaßen.





