Die den Film verantwortenden TV-Sender SWR, MDR, NDR und RBB gaben indes nur scheibchenweise ihre inhaltlichen Fehltritte zu, wiegelten die Proteste als subjektive Fehlinterpretationen ab und verschanzten sich monatelang hinter einer beschämenden Mauertaktik. So gab etwa der MDR an, deutsche und namibische Wissenschaftler hätten die Filmemacher fachlich beraten, was frei erfunden war. Im Mai 2024 entschieden dann Programmausschuss und Rundfunkrat des federführenden NDR, dass der Film gar gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstieß. Eine in der deutschen TV-Branche absolute Seltenheit. Entschuldigt hat sich bei den im Film bloßgestellten Protagonisten bis heute von offizieller Seite niemand.
Dass sich solche niveaulosen Arbeiten zur deutschen Afrikageschichte häufen, davon zeugt der von Ulrich van der Heyden vorgelegte Band „Mohren, Missionare und Moralisten“. Er hat in zehn lesenswerten Aufsätzen eine Vielzahl der um die historischen deutschen Afrika-Beziehungen kreisenden Debatten der jüngeren Vergangenheit nachgezeichnet. Dabei ordnet er – stets mit einer Fülle von Nachweisen unterlegt – detailliert ein, wie wenig wissenschaftlich fundiert und objektiv diese häufig geführt werden. Zu erfahren, wie ahnungslos (wie der Autor deutlich macht: meist selbsternannte) Verantwortliche oder ihre mit Steuergeldern hantierenden Mittelgeber sich diesbezüglich oftmals äußern, ihre Ausstellungen, Publikationen oder Initiativen erst begründen und dann gegen fachliche Kritik als „Aufarbeitung“ im Nachhinein verteidigen, macht sprachlos.
Van der Heyden nimmt besonders den Berlin-Brandenburger Raum in den Blick und dabei kein Blatt vor den Mund. Da ist die irrwitzige, da wissensfern und gegen den Willen der lokalen Bevölkerung geplante Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin-Mitte, gegen die es 1134 Einsprüche gab. Da ist die Posse um die angebliche „Spitze des Kilimandscharos“ im Grottensaal des Neuen Palais in Potsdam, die einen Gesteinsbrocken aus dem heutigen Tansania nachträglich kolonial skandalisiert. Oder der 2017 als „Fall Diogo“ bekannt gewordene Film des MDR über einen Mosambikaner in der DDR, der 1986 betrunken aus einem fahrenden Zug stürzte und dabei starb. Der Sender hatte das tragische Unglück ohne Beleg als angeblichen Mord durch Neonazis inszeniert, um zwanghaft das Pauschalklischee einer rassistischen DDR zu bedienen. Erst Recherchen der „Berliner Zeitung“ deckten auf, dass die vom Sender nachträglich kreierte Mordstory in Wahrheit ein Unfall war.
Mit seiner als Streitschrift benannten Textsammlung wendet sich van der Heyden gegen „bildungsresistente Laien“ in Bildung, Kultur, Politik, Medien und Wissenschaft sowie gegen die „Verdrehung, Negierung und Leugnung historischer Tatsachen“. Nicht zuletzt, da „durch einen dilettantischen Umgang mit der ererbten Geschichte ideologischer und somit politischer Schaden an unserer Demokratie angerichtet wird“. Auch deshalb sollte dieser äußerst nachdenklich stimmende Band bei Entscheidungsträgern jener Branchen künftig als Mahnung unbedingt auf dem Schreibtisch liegen.





